Emigrationzeit in Palästina

Nach seiner Amtsenthebung und Ausweisung aus Baden im Jahr 1933 konnte Heinz Kappes 1934 mit Hilfe englischer Quäker in Berlin nach Palästina ausreisen. Dort erhielt er zunächst eine Stelle als Lehrkraft am Syrischen Waisenhaus in Jerusalem. An Ostern im Jahre 1936 kam seine Familie nach.

„Und von Anfang an hatte ich eine merkwürdige Funktion: der Deutsche, aus dem Nazideutschland, (und fast alle Deutsche in Palästina waren Nationalsozialisten) der Deutsche ist ein Freund der Araber und ein Freund der Juden und hat eine Funktion eines Friedensstifters zwischen den beiden immer stärker miteinander verfeindeten Völkern.” (Zitat aus T-0164 — Jesus lebt!)

„Ich lernte die verschiedenen christlichen Konfessionen, die Orthodoxen und die Abessinier, die Katholiken natürlich, die Armenier und die anderen kennen. Ich gab auch zwei armenischen Priestern Deutschunterricht, konnte mit ihnen sogar Karl Marx studieren, lernte auf diese Weise das Christentum von allen möglichen Aspekten kennen, nicht immer von den erfreulichsten, denn an diesem Ort des Friedens: Jerusalaim, war natürlich die Spannung zwischen den christlichen Konfessionen auch sehr groß. Und ich lernte auch den Islam kennen, ...” (Zitat aus T-0210 — Christus in meinem Leben)

Mit Kriegsausbruch wurde Heinz Kappes zusammen mit allen anderen Deutschen inhaftiert. Auf Bitten des Präsidenten der Hebräischen Universität Dr. Magnes kam er jedoch aus dem Gefängnis wieder frei und wurde nun als Verwalter des Syrischen Waisenhauses eingesetzt. Als sich dann der Krieg ins Mittelmeer ausweitete und nun zum zweiten Male endgültig ausnahmslos alle Deutschen verhaftet wurden, gelang es dem Präsidenten der Hebräischen Universität erneut, ihn bei dem High Kommisionel der englischen Besatzungsmacht frei zu bekommen.

„Nun erst recht war meine Arbeit die eines Vermittlers. Meine Arbeit im praktischen Sinn war, (ich hatte ja kein Geld mehr), daß ich bei dem Ernährungsamt, (ich war inzwischen ausgebürgert in Deutschland mit einem britischen Pass), mit der Zeit der Leiter der Verteilung aller Lebensmittel wurde, also zu den Beduinen in den Sinai ebenso kam wie zu den jüdischen Siedlungen.” (Zitat aus T-0164 — Jesus lebt!)

In einer Rede vor Mitgliedern des Berger-Club in Jerusalem sprach er 1941 über das Thema: „Gestaltet sich aus dieser Krisis ein neuer Menschentyp?”

„Ich sprach von dem ‚universalen’, von dem ‚inklusive fühlenden’ Menschen, der die Gegensätzlichkeiten zwischen den Rassen und Zivilisationen, zwischen den Religionen und gesellschaftlichen Gruppen, zwischen den Staaten und Kontinenten aus einem Neuen Geist und einer bewussten Seelenkraft von ihrer jeweiligen EINHEIT her in die polar einander ergänzenden Kräfte eines schöpferischen Feldes umwandeln kann. Durch die Relativierung der Ich-Perspektiven wird eine neue Menschengemeinschaft möglich. – Vielleicht war Jerusalem ein geeigneter Ort für solche Zukunftsvisionen.” (Zitat aus T-0059 — Das Menschenbild bei Sri Aurobindo und Teilhard de Chardin)

Aber er hatte noch eine andere Aufgabe. Nachdem Martin Buber von besorgten jüdischen Freunden gefragt wurde: „Was soll der Kappes denn eigentlich tun, er muß doch auch Geld verdienen?” meinte dieser: „Er soll Vorträge halten, er ist doch ein Intellektueller.” So erhielt Heinz Kappes die Aufgabe, in einem kleinen Kreis über sieben Jahre hinweg jede Woche einen Vortrag über die Mystiker aller Hochreligionen der Welt zu halten und nach ihrem großen Geheimnis zu forschen, nach ihrer Erfahrung des lebendigen Gottes und darüber zu sprechen. „Für mich war dies die Offenbarung des EINEN GOTTES in Seinen vielen Aspekten in Ost und West.” Bei einem dieser Vorträge wurde er aufmerksam gemacht, daß da ein merkwürdiges Buch in einem Antiquariat zu haben sei, ein dreibändiges englisches Buch von einem indischen Philosophen Sri Aurobindo: Das göttliche Leben — Life Divine. „Das Buch packte mich so, daß (obwohl ich Mitte des Monats bis Ende des Monats alles Geld, das ich für die Familie hatte, dafür bringen sollte) ich es dann schließlich doch nahm und mir das Göttliche Leben Sri Aurobindos kaufte. Der Weg zu einem ‚göttlichen Leben auf der Erde’, ‚zum Reich Gottes’ Jesu wurde hier in einer überwältigenden Schau und Sprache gewiesen. Seit dieser Zeit mußte ich geistig und praktisch im Integralen Yoga leben.” (aus T-0164 — Jesus lebt!)

Nach Beendigung des zweiten Weltkrieges hatte Heinz Kappes — ausgebürgert und mit englischem Paß — zunächst keine Möglichkeit, nach Deutschland zurückzukehren. Er blieb in seiner Funktion als Leiter des britischen Ernährungsamtes, bis die letzte Administration der Engländer abgezogen war und kehrte erst 1948 über Holland nach Deutschland zurück.

Sein altes Ideal vom neuen Menschen in einer neuen Gemeinschaft blieb für Heinz Kappes wegweisend, aber es hatte durch die Zeit in Palästina neue Akzente erhalten, indem die individuelle Arbeit an der Selbstvervollkommnung immer mehr in den Mittelpunkt rückte.

 

Die hier vorliegenden Texte sind die wenigen noch erhaltenen Vorträge und Reden aus dieser Zeit in Palästina.

 

Titel
Anlass
Datum
Ort
Form
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Siehe dein König kommt zu dir
Predigt am ersten Advent, veranlaßt durch Probst Rhein
01.12.1934
Jerusalem
Predigt
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Jesu Abschiedsrede an uns
Versammlung bei den Quäkern
29.12.1935
Jerusalem
Ansprache
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Über die Reich Gottes Gemeinde
Eine Antwort an Leonhard Ragaz zu seinem 70.Geburtstag 1938
01.01.1938
Jerusalem
Brief
PDF-Symbol
Araber und Juden
Brief an die Executive der Jewish Agency
06.08.1938
Jerusalem
Brief
PDF-Symbol
Was ist Mystik
Regelmäßige Vorträge im Berger Club in der Gemeinde Emet W´Emuna
01.01.1940
Jerusalem
Vortrag
PDF-Symbol
Sintflut Selbstgespräch des deutschen Bewußtseins
Sühnebrief zum ersten Jahrestag des Zweiten Weltkrieges
03.09.1940
Jerusalem
Brief
PDF-Symbol
Innere Selbstbehauptung in dieser Zeit – Der Eremit
Regelmäßige Vorträge im Berger Club in der Gemeinde Emet W´Emuna
30.04.1941
Jerusalem
Rede
PDF-Symbol
Gestaltet sich aus dieser Krisis ein neuer Menschentypus?
Regelmäßige Vorträge im Berger Club in der Gemeinde Emet W´Emuna
25.01.1945
Jerusalem
Ansprache
PDF-Symbol