Heinz Kappes über Savitri

Heinz Kappes spricht in vielen seiner Texte über Savitri. Der nachfolgende, vollständig wiedergegebene Text gibt die umfassendste Einführung in Savitri. Der Vortrag wurde vor dem Studienkreis der Deutschen Sri Aurobindo Gesellschaft, Karlsruhe 1968 unter dem Titel „Einführung in Savitri " gehalten:

„Wenn ich Ihre Geduld in den kommenden Stunden des Studienkreises dadurch sehr strapaziere, dass wir Savitri miteinander lesen, dann bitte ich von vornherein um Entschuldigung.

Sri Aurobindo hat die letzten Jahrzehnte seines Lebens mit diesem Werk verbracht. Es enthält neben der philosophischen Darstellung im Life Divine mit seinen ungefähr 1300 Seiten und der psychologischen Darstellung in der Synthese des Yoga mit seinen über 1200 Seiten die gewissermaßen autobiographische Darstellung seines eigenen geistigen Weges und seiner Anschauungen über die Umwandlung der Menschheit. Es ist mit Recht bezeichnet worden als die ‚Odyssee der menschlichen Seele’. Er hat, wie ich Ihnen neulich, als wir über sein Weitergehen einen Bericht hörten, bis zuletzt daran gearbeitet. Es war etwas Erschreckendes für seinen Sekretär, als er drängte: wir müssen Savitri fertigmachen. Und er hat Savitri fertiggemacht, mit Ausnahme von einem Kapitel: ‚Über den Tod’ ... bezeichnenderweise.

Savitri in der Form, wie es hier vorliegt, ist ein Werk von 24 000 englischen Blank-Versen. Der englische Blank-Vers ist eine Verszeile, die etwa so klingt: Ich lese gerade die ersten paar Verse vor:

It was the hour before the Gods awake.
Across the path of the divine Event
The huge forboding mind of Night alone
In her unlit temple of eternity
Lay stretched immobile upon Silence’ marge.

Sie hören diesen Rhythmus, und so geht es nun in diesen kurzen Versen, in denen gewöhnlich ein Gedanke in eine Linie gefaßt ist, und in dem ein Satz ungefähr 4-6 oder auch manchmal 8 Zeilen umfaßt, durch das ganze Werk. Die Inhaltsangaben der einzelnen Kapitel und Bücher sind folgende: zunächst ist es Das Buch der Anfänge und das erste Kapitel, auf das ich heute zu sprechen kommen will: Die Symbol-Morgendämmerung. Dann wird Savitri’s Schicksal kurz zusammengefaßt. Die nächsten 3 Canti des ersten Buches, das im ganzen 106 Druckseiten umfaßt, behandeln den Yoga des Königs Aswapati, von dem ich nachher sprechen werde.

Das Zweite Buch schildert nun die Erfahrungen dieses Wanderers durch die Welten (Das Buch vom Welten-Wanderer), die Stufenleiter der Welten, sein Herabsteigen bis in das Reich der subtilen Materie, die Herrlichkeit und den Fall des Lebens, das Königreich des kleinen Lebens, die Gottheiten des kleinen Lebens, das Königreich und die Gottheiten des größeren Lebens, das Hinabsteigen in die Nacht, die Welt der Lüge, die Mutter des Bösen und die Söhne der Finsternis. Alle diese Dinge erlebt er, d.h. es ist eine Darstellung von dem, was Sri Aurobindo erlebt hatte im Hinabkommen in die Finsternisse der ganzen unter und hinter uns liegenden unterbewußten und unbewußten Finsternis. Und dann sein Aufsteigen: empor in das Paradies der Lebens-Gottheiten, die Reiche der Gottheiten des kleinen Mentals, die Reiche und Gottheiten des Höheren Mentals, die Himmel des Ideals, das Selbst des Mentals, die Welt-Seele und die Reiche des größeren Wissens.

In diesem großen Gang durch alle Bereiche in der Tiefe und in der Höhe kommt Aswapati dann zur Begegnung mit Shakti, der Welt-Mutter, so dass das Dritte Buch Das Buch der göttlichen Mutter ist. Hier wird ihm als Lohn für seine asketischen Übungen und sein Bemühen eine Tochter verheißen, die er Savitri nennt.

Das Vierte Buch ist die Geburt und Kindheit von Savitri (Das Buch von der Geburt und der Suche), ihr Heranwachsen. Nun kommt, was ich Ihnen nachher aus der Geschichte erzähle: ihre Jugendgeschichte, ihre Verheiratung (Das Buch von der Liebe) und die Schicksalsverkündigung, dass nach einem Jahr ihr Gemahl Satyavan sterben muß. So ist das Sechste Buch Das Buch vom Schicksal: der Weg des Schicksals und das Problem des Leidens. Dann kommt das Buch ihres Yoga (Das Buch vom Yoga). Wir haben auf der einen Seite den Yoga Aswapatis, von dem König, der alle vorher zugrundeliegenden Yoga-Arten, vor allen Dingen auch den Dhyana-Yoga (das, was Zen ist) und die anderen höheren Formen zusammenfaßt bis zu dem, was er auf diesem Aufstieg in das höhere Bewußtsein erlangen kann. Nun wird im Unterschied dazu der Yoga dargestellt, den unsere Hefte schon einmal bei der Darstellung des Bhakti-Yoga, des Yoga der Seele, des Yoga der Liebe behandelten.

Und so werden hier in dem Buch der Savitri nun diese Formen des Findens der Seele und der Seelenkräfte dargestellt. Dann kommt Das Buch des Todes: ihre Begegnung mit dem Tod, als er Satyavan holen will und dann der Ausklang. Der Ausklang bedeutet aber, dass sie nun zurückkehren auf die Erde, um in der Welt ein Leben aus göttlichem Bewußtsein und eine Transformation des Lebens der Menschen zu bewirken. Eine Hilfe (vor allem am Anfang), das äußerst schwierige Werk zu verstehen, ist das Buch von Sri Purani gewesen. Und ich möchte noch einmal, nachdem ich Ihnen das letzte Mal den Tod dieses ausgezeichneten Mannes mitgeteilt habe, unseren Dank aussprechen dafür, dass er uns dieses Werk hinterlassen hat und auf diese Weise uns die Möglichkeit gegeben hat, einen Schlüssel für Savitri zu finden. Ich werde manche Teile wörtlich aus Puranis Buch übersetzen.

Wie sehr dieses Werk bereits Gegenstand von wissenschaftlichen Abhandlungen geworden ist, zeigt eine Doktorarbeit, die eine Frau, Prima Nanda Kumar, die Tochter eines Universitätsprofessors Iyengar, geschrieben hat als eine Doktorthese, in der sie Savitri vergleicht mit Dante’s Göttlicher Komödie. Es ist also tatsächlich schon so, dass der Ausdruck, den ich vorhin gebrauchte: die Odyssee der menschlichen Seele die Herausforderung ist, nun mit den größten Versuchen, die die Weltliteratur kennt, das Innere des Menschen zu erforschen und seinen Schicksalsweg zu beschreiben, zu diesem Vergleich geführt hat. Das ist nun eine Doktorarbeit von 565 Druckseiten. Ich bin sicher, dass solche weiteren Werke bald entstehen und das nächste Jahrhundert füllen werden, denn der Inhalt von Savitri ist unerschöpflich.

Nun stelle ich Ihnen zunächst den Inhalt dar. Savitri basiert auf einer Legende. Sri Aurobindo nennt das Buch eine Legende und ein Symbol. Die Legende ist aus dem Mahabharata entnommen, aus der ja auch die Bhagavadgita entnommen ist. Dort lautet die Erzählung folgendermaßen:

Aswapati, der König von Matra, war kinderlos. Um ein Kind zu bekommen, unterzog er sich harter asketischer Disziplinen, lebte ein Leben des Zölibats, fastete jeden sechsten Tag und brachte den Göttern hunderttausend Opfer dar. Nachdem er diese Periode seiner Askese achtzehn Jahre durchgehalten hatte, war die Göttin Savitri versöhnt, sie erschien vor ihm aus dem Opferfeuer, erklärte ihm ihr Wohlgefallen und verkündete ihm, dass Prama, der Gott der Schöpfung, seinen Wunsch, einen Nachkommen zu haben, erfüllen werde. Von ihr selbst werde er als ihr besonderes Geschenk und ihre besondere Gnade eine Tochter bekommen. Die wurde ihm dann geboren. Der Göttin Savitri zu Ehren gab Aswapati ihr den Namen Savitri. (Savitri ist also ein Göttername der Göttin des Lichtes). Sie war schön wie Laksmi, die Göttin der Schönheit, von goldener Farbe, mehr wie die Tochter eines Gottes, als die eines Menschen. Im Lauf der Zeit wurde sie volljährig, und ihre Eltern fanden es schwierig, sie zu verheiraten, da es keinen Prinzen gab, der um ihre Hand anhalten wollte, denn sie war dafür bekannt, dass sie zu stark und zu brilliant war. Das bekümmerte Aswapati, und er sagte ihr, sie solle selbst im Land herumgehen und sich ihren Partner suchen. Er sandte sie also aus auf Reisen und gab ihr einen alten Minister als Begleiter mit. Nachdem sie mehr als zwei Jahre über Land gereist war und zur Stadt ihres Vaters zurückkehrte, war gerade dort der Seher Narad erschienen, ein berühmter Rishi. Sie teilte mit, ihre Wahl sei auf Satyavan gefallen, den Sohn des Königs Dyumatsena, der in einer Einsiedelei im Urwald lebte, denn seine Feinde hatten die Blindheit des Vaters, des Königs, sich zunutze gemacht, um ihn aus seinem Reich zu vertreiben. Darum lebte er im Exil, und der junge Prinz Satyavan war tapfer, intelligent, edelmütig und zur Vergebung bereit. So billigten also die Eltern Savitris ihre Wahl. Nur Narad, der Seher, widersprach, denn er wußte, dass es vom Schicksal bestimmt war, dass Satyavan nach einem Jahr sterben mußte. Trotz dieser Prophezeiung der Zukunft beharrte Savitri auf ihrer Wahl und sagte, man treffe seine Wahl nur ein einziges Mal. Schließlich stimmten die Eltern zu und sie wurden verheiratet. Sofort nahm sie das einfache, harte Leben der Einsiedelei auf sich, wo Satyavan lebte. Obwohl sie zutiefst darüber glücklich war, dass sie Satyavan, den Mann ihrer Wahl geheiratet hatte, konnte sie doch keinen Augenblick die fürchterliche Prophezeiung des großen Sehers vergessen. Sie bereitete sich auf die große Krisis vor, fastete während der letzten drei Tage dieses ablaufenden Jahres völlig und bewegte sich nicht von der Stelle. An jenem schicksals-bestimmten Morgen wollte Satyavan in die Wälder gehen, um Holz für das Opferfeuer zu holen. Savitri beharrte darauf, dass sie mit ihm gehe, da sie nicht riskieren wollte, dass er allein dem Tod begegne. Sie kamen zu einem Satyavan bekannten Ort und sammelten das Holz. Da klagte Satyavan über heftige Kopfschmerzen. Savitri legte sein Haupt auf ihren Schoß, da schlief er bald ein. Da sah Savitri den Tod, den Gott des Todes – Yama – vor sich stehen. Er erklärte, er sei gekommen, um Satyavan zu holen und nahm ihn mit sich. Savitri folgte dem Geist des Satyavan, der sich vom physischen Körper getrennt hatte und fing ihn aus der Schlinge des Gottes des Todes. Während sie Yama, dem Gott des Todes folgte, disputierte sie dauernd mit diesem. Ihre Worte machten auf diesen einen so großen Eindruck, dass er ihr einige Gaben seiner Huld verlieh, deren letzte die Wiedererweckung Satyavans zum Leben war.

So triumphierte Savitri sowohl über den Tod, wie über das Schicksal, kehrte in ihre Einsiedelei zurück, und die Legende des Mahabharata endet dann damit, dass Satyavan später seines Vaters Reich wieder erlangte und die beiden glücklich lebten.

Nun, das ist die alte Legende. Diese Legende hat Sri Aurobindo als die Grundlage seines Symbols verwendet. Die Geschichte hat er fast unversehrt beibehalten. Als Symbol hat das Sri Aurobindo getan, um ein lebendiges Symbol von dem Schicksal der menschlichen Seele zu schaffen. Darum enthalten viele Teile, wie gerade der schwierige erste Canto, ferner die Canti: drei, vier, fünf im Ersten Buch, des Dichters eigene Erfahrung über den Ursprung der Welt und seine Auffassung vom Charakter des Aswapati. Das Leben des kinderlosen Königs Aswapati, der asketische Disziplinen lebte, um ein Kind zu bekommen, ist von Sri Aurobindo umgewandelt worden in ein Symbol der menschlichen Seele, die aus den göttlichen Höhen hernieder kam und versucht, das Wissen ihres eigenen Selbsts und der Welt zu erlangen.

Das ganze Zweite Buch ist tatsächlich Aswapatis Reise durch Welten über Welten in einer komplexen Kosmogonie, die von der untersten Stufe der Ebene der Materie bis zu den Bereichen des Höheren Mentals und jener Ebene des kosmischen Wesens reicht, die zu noch höheren Ebenen eines noch umfassenderen Wissens empor führt. So stellt Aswapati die menschliche Seele dar, wie sie durch die Jahrtausende der Evolution in ihrem Suchen nach der Wahrheit von sich selbst, nach der Wahrheit von der Welt und nach der Wahrheit von Gott emporgestrebt hat. Durch seine Yogadisziplin erwirbt er ein ungeheures Wissen von den Möglichkeiten des menschlichen Bewußtseins, von seinen unergründlichen Tiefen, von seinen höheren und höchsten Gipfeln. In seinem Herzen brennt die Flamme der Aspiration, dass er dann hier auf Erden ein Ebenbild jener Vollkommenheit schaffen will, von der seine Seele fühlt, dass sie erlangt werden kann vom Menschen und von der Erde.

Das Dritte Buch beschreibt Aswapatis Eingang und seine Erfahrung der suprakosmischen Ebenen des Bewußtseins. Dort begegnet er von Angesicht der erhabensten Schöpferin, der Shakti, der Mutter des Universums, der exekutiven Macht des allmächtigen Höchsten Selbst. Am Ende seiner spirituellen Bemühungen dringt er also nicht ein in ein gestaltloses Unendliches und in ein leeres Absolutes, sondern in die göttliche Welt des Geistes. Der Dichter nennt das ‚das Haus des Geistes’. Dort sind Wahrheit und Wissen, Macht, Bewußtheit, göttliche Seligkeit und Harmonie die konstituierenden Elemente. Dort empfindet er die Möglichkeit, dass er diese Wahrheitswelt hernieder bringen kann auf die Erde, so dass eine neue Schöpfung, das Reich des göttlichen Wesens hier manifestiert würde. Von dieser göttlichen Macht empfängt er die direkten Inspirationen, dass er sein spirituelles Ringen und Kämpfen fortsetzen soll, um die Wahrheitswelt inmitten der menschlichen Unwissenheit und gegen den Widerstand aller Mächte der Finsternis, des Leidens, der stumpfen Trägheit und vor allem gegen den Widerstand des Todes zum Sieg zu bringen: Sie, die Shakti, die universale Mutter hält Aswapati das Versprechen vor Augen, dass Gott zuletzt den Sieg über alle die Schwierigkeiten und Oppositionen verleihen werde.

Aswapati findet aber, dass sein eigener rein menschlicher Geist diese Aufgabe zu schwer finden würde, wenn nicht die göttliche Mutter selbst auf die Erde hernieder käme oder sie eine sie vertretende Emanation in einer menschlichen Gestalt auf die Erde senden würde. Anderenfalls wäre es unmöglich, hier die Welt der Wahrheit zu schaffen: das gottwesenhafte Leben inmitten des menschlichen Lebens. In ihrer Gnade verleiht sie Aswapati das Gnadengeschenk, es würde eine menschliche Manifestation ihrer Gnade auf Erden geboren werden. Ein neues Licht soll auf der Erde hervorbrechen, eine neue Welt soll geboren werden, und was verheißen war, soll zur Erfüllung kommen.

So wird also Savitri eine Antwort auf Aswapatis intensive Aspiration, dass er hier auf Erden die göttliche Vollkommenheit schaffen will.

Wie weit ist das nun von der alten Legende entfernt, vom kinderlosen König, der mit seinen asketischen Disziplinen und Opfern sich ein Kind erwerben will? Die ganze Periode jenes asketischen Ringens des Königs der Legende wird hier von Sri Aurobindo umgewandelt in ein episches Emporklimmen der menschlichen Seele, in ihrer Reise aus dem Unbewußten bis zu den wirklichen Pforten des Überbewußten. Dadurch bekommt das ganze Epos eine ungeheure kosmische Bedeutung. Aswapatis Askesen werden hier zu den Prüfungen und ein Ringen der Seele der Menschheit in ihrer Evolution. Was er erringt, sind die Gewinne für die Menschheit in ihrem langen Kampf, um die Wahrheit zu gewinnen. Savitri hört auch auf, nur eine vollendete Prinzessin zu sein. Sie wird zur Manifestation der Gnade des Höchsten WESENS, die in die Menschheit hernieder kommt, um ihre Last des Leidens und die Last der Unwissenheit zu teilen, sie instand zu setzen, den Sieg über die Mächte der Finsternis und des Todes zu erlangen. Savitri hat das erreicht, indem sie Yama, dem Gott des Todes, in dem Augenblick entgegentrat, als er kam, um das Leben Satyavans zu nehmen.

Der übrige Teil der Geschichte, ihr Heranwachsen aus der Kindheit zur Volljährigkeit, ihre Reise, um sich einen Partner fürs Leben zu suchen, ihre Wahl Satyavans in der Einsiedelei, ihre Rückkehr zu den Eltern und ihr dortiges Zusammentreffen mit dem Seher Narad: das alles ist vom Dichter unverändert beibehalten worden mit dem Unterschied, dass Savitri durch das Epos hindurch behandelt wird, als ob sie sich ihres göttlichen Wesens immer bewußt ist, aber gleichzeitig auch völlig bewußt ihrer Menschlichkeit. Die Episode von Narads Verkündigung ihres Schicksals ist zur großen Höhe der Spiritualität erhoben worden, wobei alle die kosmischen Ziele und Absichten, die Bestimmung des menschlichen Wesens mit einbezogen werden.Die Darstellung von Savitris Charakter in den Büchern IV, V,VI entspricht der Würde des Gnadengeschenks, das Aswapati von der erhabenen Mutter in Canto 4, Buch I gegeben wird.

In der ursprünglichen Legende, ebenso wie im Symbol tritt Savitri dem Yama, dem Gott des Todes gegenüber. In der Legende findet aber das Gespräch zwischen Savitri und Yama in einer ziemlich konventionellen Form statt und ist seiner Art nach eigentlich nur religiös ethisch. Im Epos dagegen steht Savitri nicht nur da als die Repräsentantin der Menschheit, sondern auch als die Verkörperung der göttlichen Gnade. Yama dagegen stellt ihr die ganze Opposition entgegen, welche die subtile Feinheit, die geniale Erfindungsgabe und die List der Unwissenheit des mentalen Denkens aufbringen kann. Der ganze Dialog steigt zu einer sehr hohen Höhe der Inspiration empor, wie brillante Blitze von übermentaler Offenbarung und Erleuchtung. Hier sieht man auch, inwiefern der Dichter die ursprüngliche Legende bereichert hat, inwiefern er tatsächlich die indische Mythe verwandelte in eine reiche Episode voller Bedeutung für die menschliche Seele, die Menschheit überhaupt.

Er hat die lokale Legende in eine großartige psychologische Tatsache umgewandelt, die für die menschliche Evolution voller Bedeutung ist.

Diese Transformation ist die wirkliche Alchemie des großen Meisters. Die Originalität des Dichtersehers brilliert am höchsten, wenn er vom Leben Savitris und Satyavans nach der Überwindung des Todes spricht. In der Legende kehren sie zur Erde zurück. Satyavan gewinnt seines Vaters Königreich und regiert dort viele Jahre glücklich. Beide leben dort nun glücklich, eben ohne weitere Bedeutung für die Menschheit.

Im Symbol des Dichters auferstehen beide: Savitri und Satyavan aus dem Reich des Todes zunächst in den Bereich des ewigen Tages, wo die Sonne der Wahrheit nie untergeht, wo die Unwissenheit unbekannt ist und wo der Tod keinen Platz mehr hat. Nachdem sie dort in dem Reich der Wahrheit einige Zeit verblieben sind, schauen sie auf die Erde zurück und kehren zu ihr wieder zurück, um dort ihr göttliches Werk zu vollenden: Die Schaffung einer neuen Menschheit.

So wird die ursprüngliche Legende durch die schöpferische Vision des Großen Meisters völlig in ein kosmisches Symbol umgewandelt.

Nun fängt das Erste Buch mit seinen fünf Canti an in jenem Zustand der Schöpfung, in dem noch keine Bewußtheit, ja eigentlich noch keine Gestaltung der Materie existierte, sondern alles nur in die große Trance oder den Schlaf der Nacht versunken war. Ich werde Ihnen zunächst, bevor ich Ihnen dann die Verse des ersten Canto vortrage, eine Inhaltsangabe geben, damit Sie sehen, warum Aurobindo diese so komplizierte Einleitung machen mußte, warum er zunächst diesen Zustand schilderte, der vor dem Leben und vor dem Eintritt des Mentals liegt, ja bevor eigentlich die konkrete materielle Welt geschaffen wurde, und wie dann stufenweise durch immer weitergehende Offenbarung des Lichtes dieser Schlaf durchbrochen wird. Und dann erscheint die große Weltenmutter und wirft das Licht des Lebens und des höheren Menschlichen auf diese Erde und zieht sich wieder zurück, um ihr Versprechen wahr zu machen: in Savitri eine menschliche Repräsentanz, eine Seele zu schicken, die das göttliche und das menschliche Bewußtsein vereinigt. Dieser erste Canto endet (- er umfaßt eigentlich nur einen ewigen Tag -) mit den Worten: „Das war der Tag, wo Satyavan sterben muß.”

Dieses Symbol der Morgendämmerung hat ihre Beziehung zur vedischen Göttin Usha (=Morgendämmerung). Die Morgendämmerung symbolisiert hier die Kontinuität, das immer neue Hervordringen des Morgens im Laufe der Zeit, des immer fortwährenden Sieges des Lichts über die Finsternis. So steht also hier Zeit und Ewigkeit im Kontrast zur zeitlosen Ewigkeit des Absoluten. Darauf hat Sri Aurobindo einmal in einem Gedicht „in horis aeternum“: in den Stunden das Ewige – hingewiesen, wo er von der Sonne spricht: „Ein flammendes Auge der Zeit, das den bewegungslosen Tag bewacht, denn im Blick der Sonne ist der Tag ewig.” Gewöhnlich bedeutet die Morgendämmerung das ewige Leben, das immer frische, immer schöne neue Leben. In Savitri symbolisiert sie das ständige Erwachen des Lichts der Bewußtheit aus der Nacht der Nichtbewußtheit, das den Kosmos entstehen läßt und im Menschen die Aspiration nach dem Geist erweckt, um aus dem normalen Zustand der Unwissenheit herauszukommen.

Die Nacht, die im Canto 1 am Anfang beschrieben wird, ist auch symbolisch. Sri Aurobindo sagt darüber einmal: „Der Versuch zu einer mystisch-spirituellen Poesie derart, wie ich sie erstrebe, verlangt vor allem eine spirituelle Objektivität, eine intensive psychisch-physische Konkretheit.” Selbst die Finsternis, die dort dargestellt wird, wird als eine Ruhe beschrieben, die ihr einen subjektiven, geistigen Charakter verleiht und das, was hier so symbolisiert wird, deutlich macht. Die Bezeichnung: sie ist dumpf, träge und schwarz, gibt ihr die notwendige Konkretheit, so dass diese Ruhe aufhört, etwas Abstraktes zu sein, zu etwas Konkretem wird, etwas, hinter dem das Leben des Geistes verborgen ist, das die ganze Spannung der Umwandlung in sich trägt. Die Nacht, die vor dem Hervorbrechen der Morgendämmerung existiert, ist die Nacht einer Finsternis, die subjektiv ist und die Nichtbewußtheit andeutet, die da war, bevor der Kosmos erschaffen wurde, also gewissermaßen der Zustand, in dem aus dem in sich ruhenden unendlichen Selbst zwar alle Kräfte im Begriff des Hervortretens waren, aber noch keine dieser Kräfte eine Gestaltung angenommen hatte, so dass alles ein in sich Unterschiedloses der Finsternis war: der Zustand, der dem Sein und dem Nichtsein vorherging: es war dort nicht Tag und Nacht, also Zeit, sondern die Finsternis war durch die Finsternis verborgen, das heißt: alles war ein Ozean der Unbewußtheit.

In Parallelstellen mit dem Rigveda zeigt Purani, wie viele dieser Gedanken schon in den urältesten kosmischen Spekulationen oder Erkenntnissen der Veden enthalten waren. Es ist ein Zustand, in dem noch nichts ist, selbst keine Materie, und dennoch war alles vorhanden, aus dem der Kosmos entstehen konnte. So sieht also Aurobindo ebenso wie die vedischen Weisen seine Symbole und projiziert sie mit ebenso großer Authentizität als Wirklichkeiten, wie jene damals ihre Visionen und Inspirationen in den Mantras konzentrierten, die mit ihren Vibrationen von Denken, Rhythmus und Sprache zu jenen kamen.

„Es war die Stunde vor dem Erwachen der Götter ... „, so fängt das an. Die Dichtung eröffnet mit einer Zeit, da die Götter, das heißt die verschiedenen Funktionen des Kosmos, noch nicht erwacht waren und das sie ihr Werk noch nicht begonnen hatten. Wir leben in einem Universum, das ein Kosmos ist. Das ist so, weil die Götter, die das Gebot des Allmächtigen ausführen, also die Gesetze und Kräfte in der materiellen, vitalen und mentalen Welt aufrechterhalten. Anstelle der erwachten Götter sieht man eine alles durchdringende Gestalt der Nacht, eine dunkle Frau, schlafend, in einem unerleuchteten Tempel der Wahrheit, unbeweglich auf der Lagerstätte des Schweigens ausgestreckt. Der Gedanke eines Tempels legt die Gegenwärtigkeit des göttlichen Wesens nahe. Der Dichter spricht von der Nacht, sie habe einen riesigen, ahnungsvollen mind (Vers drei). Und dieses Mental lag nun quer über dem Pfad des göttlichen Ereignisses, das heißt der Schöpfung, die Nacht, der Schlaf, die Opposition gegen das Werden und behindert so das Kommen der göttlichen Morgendämmerung, die das Erwachen des Bewußtseins ist. Man könnte meinen, diese alles durchdringende Nacht scheine unter einem Alpdruck oder unter dem Anzeichen von Schlafwandeln zu leiden: Zunächst hat sie den Traum wie ein Alpdruck, dass sie vor dem Gedanken zurückschreckt, sich noch einmal auf das Abenteuer einzulassen, das unlösbare Geheimnis der Geburt und die langsamen Prozesse der Sterblichkeit auf sich zu nehmen.

Hier ist eine Andeutung von dem großen zyklischen Denken der indischen Kosmogonien: dass immer wieder in ungeheuren Räumen alles sich zusammenzieht in den Nullpunkt (von dem auch hier die Rede ist), und sich von da aus wieder entfaltet zu einer neuen und wieder höheren Gestaltung des Universums. Dieser mind, dieses Bewußtsein der Nacht wollte sich eigentlich selbst dadurch zunichte machen, dass es lieber, als in diese Aufgabe: von neuem in Geburt und Tod und Evolution einzutreten, einginge in das absolute Nicht-Sein. Denn erst wenn das involvierte Mental zustimmt, kann ja der Kosmos in Erscheinung treten als Kosmos und seine Evolution durchführen. Es ist also hier eine in diese äußerste Nichtbewußtheit herabgesunkene Macht des absoluten Wissens des Selbst, des höchsten Bewußtseins. Und nun entsteht dadurch die Spannung. Diese Spannung führt dazu, dass sich etwas in diesen undefinierbaren Tiefen dieser Nichtbewußtheit regt. Als Bewußtsein davon bringt die Nacht nun, auf ewig den unbewußten Akt wiederholend, was ich eben erwähnte, diese ungeheure materielle Welt ins Dasein. Die erste Regung dieser Nacht ist also Formgebung: das Kräftechaos wird geformt zu Gestaltungen, zur Materie. „Sie wiegte den kosmischen Dämmerschlaf der unwissenden Kraft."

Es ist also dargestellt, wie sie nun diesen kosmischen Dämmerschlaf der unwissenden Kraft wiegt, an sich nimmt und auf diese Weise einen bewegten, schöpferischen Schlummer der Sonnen entzündet und unser Leben. So kam unser materielles Universum ins Dasein durch eine Art Somnambulismus seitens dieser schlafenden Macht der Unbewußtheit. In dieser ungeheuren finsteren Nacht, wo nur Unbeweglichkeit und Schweigen zu herrschen schien, gibt es eine unbegrenzte Ausdehnung des Himmels, und die Erde wirkt in seinen hohlen Klüften wie verloren. Das werden Sie nachher hören. Da fühlt man plötzlich eine weitere Regung.

So ist also zunächst die Materie da, aber noch kein Leben. Nun kommt das Leben: Eine namenlose Bewegung, eine ungedachte Idee berührt schmeichlerisch diese Unbewußtheit der Nacht, um die Unwissenheit zum Erwachen zu bringen: das, was Sri Aurobindo Ignoranz nennt, also das noch nicht zum höheren Wissen gekommene Bewußtsein. Als ein Ergebnis von diesem ersten Anrühren wird das unterbewußte Gedächtnis dieser Nacht erweckt. Und nun steigen die unbewußten und unterbewußten Erinnerungen wieder in ihr auf. „Sie sah, dass es nicht das erste Erwachen der Morgendämmerung war, das bevorstand." Der Impuls, eine Morgendämmerung zu erwecken, steigerte sich in ihr zu dem Gefühl, dass ein Etwas, was ins Dasein treten wollte, aber noch nicht wußte, wie das geschehen sollte, in ihr aktiv wurde. Dieser starke Impuls hatte kein Wissen um sich selbst und fand auch die Bedingungen noch nicht günstig, um inmitten dieser ungeheuren Nacht voll hervorzutreten. Er hat sich in ihrem mind nur als Erinnerung an ihre früheren Bemühungen geregt. Als sie diese mit ihrem unterbewußten Gedächtnis in Verbindung zu bringen suchte, fand sie, dass dort ein Wesen lauerte: in ihr selbst, das sich zwar an nichts mehr erinnern konnte, so wie der Überlebende einer getöteten, begrabenen, vergangenen Welt, aber diese überlebende Wesenheit in ihr fühlte nun ihre eigene Aspiration zu dem Impuls, den die Nacht in sich fühlte. Diese vergangene Personalität in ihr (wenn man das so bezeichnen darf) war nun gezwungen, in einer neuen Umgebung das Bemühen um die Selbstverwirklichung zu wiederholen. Als die Nacht nun beinahe der Geburt der Morgendämmerung zustimmte, war es, als ob sie die Rolle einer Mutter erfüllte, die sich an die nie gestillte Not in den Dingen erinnerte. So war also der erste Strahl, der nun hervorbrach, das Licht des Lebensbewußtseins. Und dieser Ausbruch des Lebenslichtes war das Kommen wie das Kommen eines Spähers, der auf Erkundung war, von der Sonne her, um nach einem Geist zu suchen, der einsam und verzweifelt war. Dieser Geist, den das Licht des Lebens sucht, ist derselbe, von dem am Anfang als dem gefallenen Selbst, dem grenzenlosen Selbst, gesprochen wird.

Bei seinem Suchen nach diesem gefallenen Geist fordert das Licht die Nacht auf, nun solle sie das Abenteuer der Bewußtheit und der Freude wiederholen und zwang sie erneut einzuwilligen, dass sie sehen und fühlen wollte. Soweit hatte also dieser Impuls im Herzen der Nacht Erfolg gehabt, dass er das Licht des Lebens berührte und einen Strahl der Sonnen auslöste, der das Versprechen für das volle Erwachen der Morgendämmerung ist. In diesem Impuls, diesem Anrühren des Herzens der Nacht war ein Vorauswissen, dass dieser Wunsch erfüllt würde. Die Geburt dieser noch winzig kindhaften Aspiration verwandelt die wissenslose, schlafende Nacht, die zuerst eine sorglose Mutter gewesen war, nun in die besorgte Mutter des Universums. Sie mußte nun den Körper erschaffen, die Bedürfnisse des Lebens, die Bedürfnisse der Seele erwecken und diese keineswegs leichte Aufgabe lösen. Sie mußte also diese ganze Vergangenheit unter neuen Bedingungen wieder aufbauen. Das konnte nur getan werden, wenn das unterbewußte, transzendente göttliche WESEN seine Hand reichte: „Denn alles kann getan werden, wenn Gottes Hand mich anrührt.” Diese ständigen Erschütterungen durch die umgestaltende Berührung durch Gott von oben her: sie überredete die träge schwarze Ruhe dieser Nacht dazu, dass sie nun die Schönheit und die Wunder manifestierte, deren sie völlig unfähig zu sein schien. Tatsächlich kam es durch dieses ständige, beharrliche Rütteln von innen her dazu, dass sich eine leuchtende Ecke öffnete, ein Fenster zu verborgenen Dingen, aus dem ein ständiger Strom von Licht entströmte, der auf die undurchdringliche Finsternis der Nacht einwirkte. Dieses doppelte Zusammenwirken: das ständige Einströmen von Licht von oben her und das innere Drängen von unten her, zwang schließlich die unermeßliche Blindheit der Welt zum Sehen. Da fiel dann die Finsternis wie ein Gewand vom Körper dieser unbekannten Wesenheit der Nacht herab und offenbarte, dass darunter der hingestreckte Körper eines Gottes lag.

Es wird also offenbar, dass hinter der Maske der Nichtbewußtheit Gott existiert. Nun scheint alles bereit zu sein, dass der Tagesanbruch kommen kann. Er kommt: Ein Strahlen aus dem unerreichten Transzendenten, von der Herrlichkeit des Unsichtbaren schillernd. Dieser Tagesanbruch ist eine Botschaft aus dem unerkennbaren unsterblichen Licht. Und die Stellen, die hier folgen, gehören zu den poetisch reichsten und symbolisch offenbarendsten im ganzen Savitri. Sie bringt die Hoffnung auf die Erfüllung jener ringenden Aspiration der Erde. Aus den Transzendenzen des zeitlos Ewigen kommt das Licht des Tagesanbruchs und durchbricht die Finsternis der Nacht, der Unbewußtheit. Die Botschaft lautet: Die bisher unerreichten Transzendenzen werden erreicht.

Die Herrlichkeit des Ungeschauten, die jetzt nur in einem milden Strahl entfaltet wird, soll eines Tages zum dauernden Glanz des Höchsten WESENS hier werden. Das unbekannte unsterbliche Licht wird sein Werk zur Vollendung bringen und hier auf Erden das Leben aus dem Göttlichen Wesen errichten. Die Morgendämmerung ist hier die wunderschöne Göttin, die aus dem Jenseits der Bereiche der Finsternis hernieder kommt, und ihr erstes Anbrechen offenbart bereits die Natur der letztlichen Erfüllung. So kann für eine kurze Weile die volle Herrlichkeit der Göttlichkeit hier manifestiert werden. Fast wäre dieser Tag die volle Epiphanie des Göttlichen geworden. Aber soweit war die Welt noch nicht zubereitet. Nur eine kurze Zeit stand die Göttin des Tagesanbruchs da und offenbarte das ganze Spiel von Licht und Farben beim ersten Erscheinen. Beinahe erschien es, als ob sich eine Gestalt aus fernen seligen Gefilden nahen wollte: Die allwissende Göttin, die die Botschafterin zwischen Ewigkeit und Wandel ist, fand, dass die Voraussetzungen im Kosmos günstig waren, sie fand die Räume für ihren Fuß bereit. Das war das erste Mal, dass sich die göttliche Gnade auf die Erde hinabneigte, denn gerade mit dem ersten Erscheinen der Morgendämmerung fühlte die Erde, dass der Ewige nahe an ihr vorüberging. „Es hörte ihre Schritte der Natur erwachtes Ohr, die Weite blickte hin mit grenzenlosen Augen auf festverschlossene Tiefen hingestreckt entzündete ihr lichtes Lächeln zu Feuerwiderschein der Welten Schweigen.” Dieser Ausdruck der Seligkeit, die alle Elemente der Erde beim Nahen der Göttin fühlten, zeigt deutlich, was das Ziel der irdischen Existenz ist. Auf diesem angsterfüllten und gefahrenvollen Feld des Mühens entzündeten auch hier die Visionen und der prophetische Glanz die gewöhnlichen, bedeutungslosen Dinge zu Wunderdingen. Dieses Nahen der Göttin ist der Vorläufer für das Herniederkommen von Savitri auf die Erde. Wenn sich auch die göttliche Offenbarung zurückzog, so machte sie doch das Versprechen wahr und schickte die Erfüllung des Sehnens der Menschheit, denn der Menschheit Sehnen zwang dazu, dass sich die Gottheit in Menschengestalt offenbaren mußte.

Da die Voraussetzungen nun geschaffen waren, konnte die göttliche Macht jemanden auf die Erde senden, der die Unwissenheit zerbrechen würde. Diese Schau führte nun zum Erscheinen von Savitri. Auch sie erwachte mit der übrigen Menschheit an einem gewöhnlichen Tagesanbruch inmitten ihres eigenen Stammes. Dass Savitri erschien, nachdem sich die erhabene Göttin zurückgezogen hatte, legt den Gedanken sehr nahe, dass sie das Werk, das durch die Göttin des Tagesanbruchs und die Botschafterin des absoluten Ewigen begonnen war, nun in der Allmacht des Göttlichen Wesens fortsetzen werde. Ihr zu eigen war die Liebe der universalen Mutter: Shakti.

Obwohl Savitri der Ewigkeit verwandt war, aus der sie kam, und ein Fremdling in den Gefilden des menschlichen Lebens, war sie doch menschlich genug, das Sehnen des gewöhnlichen Menschen zu fühlen, wenn auch als eine süße, fremde Note. Ständig war ihr Herz von der Angst der Götter erfüllt. In ihrer menschlichen Gestalt empfand sie sich wie in einem Gefängnis und wollte die Schranken durchbrechen, die sie in Gefangenschaft hielten. Neben dieser tiefen machtvollen Aspiration, dies Bewußtsein, dass sie selbst dem göttlichen Wesen verwandt war, trug sie in sich eine Liebe zu allen, ein universales Mitgefühl, das ständig darauf ausging, den Menschen zu helfen. In einem Akt inneren Empfindens gab sie sich frei hin, damit der Himmel auf dem irdischen Boden ursprünglich wachsen konnte. Diese Teilnahme und Liebe waren ihrerseits ein innerer Akt und nahmen keine beherrschende äußere Form an. Mit dem ihr eingeborenen Sinn für ihr Göttliches Wesen, mit ihrer Liebe und ihrem Mitgefühl für alle Menschen fand sie, dass die menschliche Natur, mit der sie umgeben war, das Göttliche Wesen nicht nur nicht annehmen und nicht realisieren wollte, sondern dass das menschliche Wesen auch ablehnend gegen das Einwirken des Göttlichen Wesens war. Die gefallene menschliche Natur begehrt gegen das Einwirken von allem auf und protestiert dagegen, was nach dem Göttlichen Wesen schmeckt. Wenn die menschliche Natur zittert wegen ihrer nackten Macht der Wahrheit, dann ist der Lohn, den sie diesen großen Seelen gibt, die versuchen sie zu retten, der Schmutz, den sie auf sie wirft. Die Dornen der gefallenen Natur sind ihre Verteidigung gegen die rettende Hand der Gnade. In ihrem normalen Zustand kann die menschliche Natur das Göttliche Wesen nicht ertragen. Savitri hat also ihren vollen Anteil am Kummer und am Ringen. Sie verbarg ihr Leid in den Tiefen ihres Herzens. Sie ließ sich ihr inneres Leiden nicht ansehen. Sie blieb ruhig, schweigend, mutig. Abgesondert in ihrem inneren Leben trug sie das Leben aller, und dabei war immer die Liebe der universalen Mutter bei ihr. Als darum das festgelegte Verhängnis der Natur den Untergang von Satyavan, ihrem Gatten, forderte, war sie dadurch nicht wegen ihres eigenen Wesens bewegt, denn ihre eigene Kalamität war nur ihr privates Zeichen, das ihr den scheinbar unveränderlichen fest bestimmten Gang der Natur anzeigte. So nahm sie die Last der wissenslosen Menschheit auf sich.

Im ersten Canto wird Savitris Kindheit bis zum jugendlichen Alter und bis zu ihrem Bekanntwerden mit den großen menschlichen Problemen dargestellt, wie das alles in ihrem Herzen eine ständige intensive Erfahrung von Schmerz ist. Auf die zentrale Krisis der Dichtung wird so schon im ersten Canto verwiesen. Der Leser sieht Savitri und versteht das Problem, dem sie gegenübersteht, er sieht ihre Seele, die die Zeit und das Schicksal konfrontieren muß. Die Spannung wird dadurch auf’s Höchste gesteigert, dass ihr Kampf mit den blinden Kräften der Evolution der Natur durch den vorausgesagten Tod des Satyavan unausweichlich ist.

Ist denn wirklich die Natur so durch feste Gesetze bestimmt, so endgültig, so unvermeidlich? Ist der Tod das absolut letzte Wort? Ist es für ein menschliches Wesen möglich, dass es allein die scheinbar unabänderlichen, kategorischen Bestimmungen der kosmischen Natur verändern und umwandeln kann? Nun muß sie alle in ihr bisher gesammelte Kraft für den ungeheuren Kampf zusammenfassen, denn so endet dieser erste Canto: „Das war der Tag, an dem Satyavan sterben muß.“

Das ist ein Überblick über diesen schwierigsten Canto mit seinen dreihundertundvierzig Versen. (Einwurf eines Zuhörers: „Das war eine harte Kost.” Heinz Kappes: „Nun, das fühle ich. Das ist mir auch so gegangen, und noch mehr so gegangen, als ich diese Verse alle übersetzt habe.”)

Das war eine ausführliche Schilderung, die wir jetzt nicht mehr wiederholen sollten, von dieser kosmischen Nacht und von den verschiedenen Phasen, in der in der Kosmogonie, wie sie Sri Aurobindo erlebt hat, nun zunächst die Form wird, und dann durch weitere Wirkungen des involvierten Geistes das Leben erscheint, und wie dann das Menschbewußtsein, das Mental hervortritt, und wie schließlich die Menschheit erwacht, also nicht nur im Kosmos das ungeheure Licht aufgeht, dass das Menschbewußtsein da ist und im Menschbewußtsein wie in jeder Morgendämmerung das volle Licht des ganzen Tages aufleuchtet mit all seinem Farbenspiel, sondern dass nun auch in umgekehrter Richtung dieser Menschheit, die unbewußt dahinlebt, nun die Kraft zuteil wird zur Befreiung, zu dem vollen Bewußtsein ihrer Göttlichkeit.

Ich werde also diese Verse vorher übergehen und Ihnen doch noch zum Abschluss einige von denen vorlesen, die sich um Savitri drehen. Das geht vom Vers 186 ab:

„Auch Savitri erwachte unter diesen Stämmen,
die eilig folgen dem brillanten Wächterlied des Herolds (der Sonne)
und durch der Wege Schönheit, die ihr Auge sah verführt,
sich ihren Anteil am vergänglichen Vergnügen holten.
Doch sie, der Ewigkeit verwandt, aus der sie kam,
nahm keinen Anteil sich von diesem kleinen Glück.
Ein Fremder in der Menschenwelt war in ihr mächtig.
Der Gast (das ewige Selbst) in ihr verkörpert, gab im Innern keine Antwort.
Der Anruf, der der Menschen Sinn erweckt und eilen läßt
zu seiner eifrig wechselvollen Arbeit des Berufs,
zu des Begehrens schmeichlerisch gefärbter Illusion,
drang in ihr Herz nur als eine süße fremde Note.
Für sie galt nicht der Zeit Verlockung eines kurzen Lichtes.
In ihr war ja die Qual der Götter eingekerkert,
in unsere vergänglich menschliche Gestalt.
Es war besiegt das nicht dem Tod Verfallene (das Selbst),
durch den Tod der äußeren Dinge.
Die Freude einer höheren Natur war ihr zu eigen einst gewesen,
doch konnte sie nicht lange behalten ihren goldenen Himmelsglanz
und nicht bestehen auf dieser brüchigen Erdenbasis.
Ein enger Vorgang auf der Zeit urtiefem Abgrund,
des Lebens spröde Kleinlichkeit bestritt die Macht,
die stolze und bewußte Weite und die Wonne,
die in die Menschenform sie mit sich brachte.
Die stille Seligkeit, die eine Seele allen anvermählt,
den Schlüssel zu den Flammentoren der Entzückung.
Der Erde Wesen, das den Saft von Lust und Tränen braucht,
verwarf die Gnade solcher todentrückten Wonne.
Es bot dafür der Tochter der Unendlichkeit ihre Liebesblüte der Passion
Und gab ihr das Verhängnis.
Vergebens schien das wundervolle Opfer dargebracht,
die eigne reiche Göttlichkeit verschwendend,
hatte sie ihr Selbst und alles, was sie war, den Menschen hingegeben,
weil sie ihr Höheres WESEN ihnen einzupflanzen hoffte,
damit der Himmel heimisch werde in dem Land der Sterblichkeit.
Hart ist es aber, die Erdnatur zur Wandlung zu bereden.
Die Sterblichkeit erträgt nur schwer des Ewigen Hand.
Vor Gottes reiner unduldsamer Kraft befällt sie Angst,
von jenem Ansturm lichten Äthers und der Feuersglut.
Sie wehrt sich murrend gegen kummerloses Glück,
stößt fast mit Haß das Licht zurück, das sie ihr bringt:
sie zittert über ihre nackte Kraft der Wahrheit
und über absoluter Stimme Macht und Süße,
den Höhen legt sie das Gesetz des Abgrunds auf,
mit ihrem Schmutz besudelt sie des Himmels Boten,
die Dornen der gefallenen Natur sind die Verteidigung,
die gegen die Erlöserhand der Gnade sie errichtet.
Den Gottessöhnen tritt mit Tod und Leiden sie entgegen.
Sie (die Avatarin), die als Herrlichkeit von Sonnenblitzen
diese Erdenbühne überschritten, deren Gedankensonne
schwankt, durch ignoranten Sinn verfinstert
und deren Weg verraten ward in Übel, all ihr Gutes umgekehrt,
das Kreuz ihr Lohn für das Geschenk der Krone,
sie lassen hier zurück nur einen glanzerfüllten Namen.
Das Feuer kam, es hat der Menschen Herz berührt und ist gegangen,
nur wenige entflammten und erhoben sich zu höherem Leben.
Die Welt, der sie (Savitri) zur Hilfe und Errettung kam, der Welt war sie zu ungleich,
so lag zu schwer auf deren unwissenden Herzen ihre Größe.
Aus tiefen Schluchten stieg für sie ein fürchterlicher Lohn empor,
Anteil am irdischen Leiden, Ringen, Fallen, mit Schmerz zu leben
und auf seinem Weg den Tod zu konfrontieren.
dies Los der Sterblichen ward der Unsterblichen zuteil.
So in der Schlinge irdischer Geschicke eingefangen,
der Stunde ihrer Prüfung wartend,
blieb sie verbannt aus ihrem angeborenen Frohsinn,
das düstere irdische Gewand des Lebens tragend
und sich verbergend selbst vor denen, die sie liebte:
die Gottheit, noch erhabener durch ihr menschliches Geschick.
Ein dunkles Vorherwissen trennte sie ja von allen,
denen Stern und Stütze sie gewesen,
zu groß, um ihnen mitzuteilen die Gefahr und diesen Schmerz,
hielt im zerrissenen Inneren sie zurück ihr künftiges Leid.
Wie wenn man über blind gebliebene Menschen wachen muß
und auf sich nimmt die Last der unwissenden Menschheit,
großziehend einen Feind, den sie mit ihrem Herzblut nähren muß.
Ihr Handeln unerkannt und unbekannt der Untergang, in den sie schritt,
so, ohne Hilfe mußte sie vorausschauen, fürchten, wagen.
Nun war der lang vorausgewußte, der verhängnisvolle Morgen
da, der einen Mittag brachte, der wie jeder Mittag aussah,
denn die Natur geht ihr gewaltiges Schreiten achtlos,
ob eine Seele, ob ein Leben sie dabei zerbricht,
zurückläßt ihre Opfer sie und wandert weiter.
Der Mensch allein vermerkt es und die alles sehenden Augen Gottes.
Doch selbst in diesem Augenblick der seelischen Verzweiflung
Ihrer grimmigen Begegnung mit dem Tod, der Angst,
kam nicht ein Wehelaut von ihren Lippen und kein Ruf um Hilfe.
Sie sagte das Geheimnis ihres Leids zu keinem Menschen.
Ihr Angesicht war ruhig, stumm hielt sie ihr Mut,
doch litt und rang ja nur ihr äußeres Selbst.
Halb göttlich war ja ihre Menschlichkeit, ihr Geist war offen für den Geist
in allen, als eigen fühlte die Natur in ihr die All-Natur.
Getrennt für sich im inneren Leben trug sie alle Leben.
Erhaben hob sie in sich selbst die Welt empor,
eins war ihr Ängstigen mit des Kosmos großer Angst,
denn auf des Kosmos Mächte war gegründet ihre Kraft,
des Universums Mutter gab ihr ihre Liebe.
Um hier das Böse an des Lebens kranken Wurzeln zu bekämpfen,
dessen privates Zeichen ja ihr eigenes Elend war,
machte aus ihren Schmerzen sie ein mystisch scharfes Schwert,
sie hob einsamen Sinnes mit einem weltenweiten Herzen
zu des All-Einen Ewigen anteillosem Werke sich empor.
Ihr Leben war am Anfang kummerlos gewesen.
Sie ruhte damals noch im Schoß der irdischen Urschläfrigkeit,
untätig, in Vergessenheit versunken, an des Mental bewußten Rand dahingestreckt
und unbewußt, so dumpf und ruhig wie ein Stein und Stern,
in einer tiefen Kluft des Schweigens zwischen zwei Bereichen
lag sie, dem Kummer fern, von Sorgen nicht gequält als Kind,
dennoch erinnerte sie sich nicht an all das Leid hienieden.
Dann regte leise, schwach und schattengleich sich ein Gedenken,
aufseufzend legte ihre Hand sie auf ihr Herz und ward gewahr des nahen Wehes,
das sich heranschlich tief, ruhig, alt, dem zur Natur sein Platz hier ist geworden.
Sie wußte jedoch nicht, warum es da war, noch, woher es kam.
Es hatte sich die Macht, die unseren Menschensinn entzündet,
noch zurückgezogen. Des Lebens Diener waren schwer, unwillig
wie Knechte, des ihrigen Lohns sich nicht freuend.
Verdrießlich weigerte der Sinne Fackel sich zu brennen.
Ohn’ fremde Hilfe fand das Hirn sein früheres Dasein nicht.
Nur eine unbestimmte Erdnatur hielt diesen Körper aufrecht.
Jetzt aber rührte sie sich. An des Kosmos Lasten
nahm ihr Leben wieder Anteil. Auf den Befehl von ihres Körpers
stimmenlosem Ruf ging rückwärts nun ihr starker, weit beschwingter Geist,
zurück zum Joch von Schicksal und Unwissenheit,
zurück zur Arbeit und dem Druck sterblicher Tage.
Durch seltsame Symbole ward ihr Geist erhellt.
Durch Flut und Ebbe weiter Ozeane ihres Schlafes
kam die Erleuchtung, ein unsichtbarer Einfluß
macht im Hause ihrer Natur sich fühlbar,
erleuchtet wurden rasch des Lebens dunkle Räume,
die Fensterflügel der Erinnerung taten sich den Stunden auf,
des Denkens müde Füße näheren sich ihren Türen.
Zurück kam alles nun zu ihr, die Erde, Liebe, das Verhängnis,
jedoch Rechthaber alter Zeiten schlossen eng sie ein wie riesige Gestalten,
ringend in der Nacht, die Götter: aus dem düsteren Unbewußten stammend:
erwacht, um zu kämpfen. Und der Schmerz der Gottheit
und in dem Schatten ihres Flammenherzens im düsteren Mittelpunkt
des fürchterlichen Wortstreits starrte ein Wächter (Tod)
aus dem unversöhnten Abgrund, der unseres Globus lange Agonie ererbt,
eine Gestalt, Stein, still, von hohem und göttlichem Schmerz,
mit starren und blicklosen Augen in den Raum,
die zwar des Kummers zeitenlose Tiefen schauten, aber nicht des Lebens Ziel.
Durch seine strenge Göttlichkeit bekümmert, an seinen Thron gefesselt,
wartete er unbesänftigt auf ihrer ungeweinten Tränen tägliche Opfergabe.
Der Menschenstunden wildes Fragen lebt alles auf.
Das Opfer ihres Leidens und Begehrens, das die Erde darbrachte,
der Unsterblichen Entzückung fingen nun an, erneut hinnieden,
unter Gottes ewiger Hand.
Vollwach ertrug sie den geschlossenen Gang der Augenblicke,
sie blickte hin auf diese grüne, lächelnde, gefahrenvolle Welt
und hörte der lebendigen Dinge unwissenden Ruf.
Inmitten der alltäglichen Geräusche und der unveränderlichen Szene
erhob sich ihre Seele, um der Zeit, dem Schicksal front zu bieten,
bewegungslos in ihrem Innern sammelte sie die Kraft.
Das war der Tag, an dem Satyavan sterben muß.“

 

T-0316 "Einführung in Savitri"
Vortrag vor dem Studienkreis der Sri Aurobindo Gesellschaft Karlsruhe 1968
(Anmerkung der Herausgeber: Bei den in diesem Vortrag zitierten Textstellen aus Savitri handelt es sich noch nicht um die endgültige Fassung der Übersetzung. Sie wurde von Heinz Kappes noch mehrfach überarbeitet und liegt in letzter Korrektur auf dieser Website als Hörfassung vor)