Autobiographie

Im Anschluß finden sich noch einige weitere biographische Darlegungen sowie Zeitzeugnisse von Heinz Kappes selbst als Verfasser. Die autobiographische Darstellung des Lebenswerkes an dieser Stelle möchte noch einmal deutlich machen, daß hier nicht der Versuch einer distanziert akademischen Betrachtung des Lebenswerkes von Heinz Kappes unternommen werden soll — worauf die historische Darstellung oder Biographie in aller Regel hinausläuft —, sondern was er im Inneren war und bewirkte.

Heinz Kappes war ein Mensch, der vor allen Dingen im Leben selbst stand, aus dem Leben schöpfte und sich immer an der praktischen Lebenswirklichkeit und Lebenswirksamkeit orientierte. Sein zentrales Anliegen war das Ringen um die Verwirklichung des Reiches Gottes hier auf Erden: Liebe, Freude, Leben, Wahrheit zu sein, nicht zu verkündigen: „Es hat keinen Sinn etwas zu proklamieren. Es hat ganz gewiß keinen Sinn etwas zu predigen ohne, daß man es ist. Und dann sind mir die schweigenden Verwirklicher lieber als die geschwätzigen idealistischen Redner.” (Zitat aus T-0103 - Die Menschheitslage und die Einheit)

Dieses intensive, bis an die äußersten Grenzen der persönlichen Existenz gehende Ringen läßt sich in seinen autobiographischen Darstellungen und Zeitzeugnissen auf das Deutlichste erfahren. Was er im äußeren Leben errungen hat, ist deshalb bedeutungsvoll, weil es symbolisch ist für das, was er in seinem Inneren realisiert hat.

In einem Interview, das unter dem Titel „Es erinnert sich: Heinz Kappes” in einer Radiosendung des Südfunk II am 13.08.1982 ausgestrahlt wurde, beantwortet Heinz Kappes selbst Fragen bezüglich seines Lebensweges. Dieses Interview soll nachfolgend vollständig wiedergegeben werden. Der Text wurde, soweit möglich, in Einzelabschnitte unterteilt, die sich an dem weiter oben dargestellten tabellarischen Lebenslauf orientieren.

Anfänge
Studienzeit
Der erste Weltkrieg
Examina und Vikariatszeit
Jugendpfarrer in Karlsruhe
Religiöser Sozialist und Sozialdemokrat
Amtsenthebung und Ausweisung
Emigrationszeit in Palästina
Rückkehr nach Deutschland
Anonymen Alkoholiker
Der Integrale Yoga Sri Aurobindos
Reich Gottes Sein
Seelen-Heilpraktiker
Anonymität

... weitere autobiographische Texte

"Es Erinnert Sich: Heinz Kappes"

INTERVIEW VON HEINZ KAPPES
RADIOSENDUNG, SÜDFUNK II 23.05 UHR AM 13.08.1982

Anfänge Pfeil-nach-unten-Symbol Pfeil-nach-oben-Symbol

Heinz Kappes, Sie sind mit fast 71 Dienstjahren und 92 Lebensjahren einer der ältesten Pfarrer Badens; Sie haben in Baden, Palästina, Amerika und Indien gelebt und gearbeitet; jetzt wohnen Sie in Stuttgart. Wo liegt der Anfang, der Ausgangspunkt dieses bewegten Pfarrerlebens?

Der liegt in einem badischen Pfarrhaus. Mein Vater war als Pfarrer zuerst im Odenwald in Fahrenbach bei Mosbach. Er war einer von den Pfarrern, der mir später einmal an einer entscheidenden Stelle sagte: „Wenn ich meinen Bauern nicht sagen kann, wie sie ihren Acker pflügen und bebauen, kann ich ihnen auch nicht das Evangelium verkündigen.” In dieser armen Gemeinde führte er die Bienenzucht ein, er selbst lernte die Erste Hilfe, (in Sanitätskolonnen), er führte Obstbaumzucht ein und später auch Geflügelzucht, und dann wurde er versetzt nach Nassig bei Wertheim. Wertheim ist die Heimat meiner Familie elterlicherseits, Großeltern seit Jahrhunderten. Dort hatte er vier Dörfer, und als ich 1902 ins Gymnasium kam, kam ich zu meinen Großeltern mütterlicherseits. Mein Großvater war Reallehrer am Gymnasium: ein sehr eigentümlicher Mann, ein Musikfreund, der viele lnstrumente hatte, und er war ein Botaniker, der die vollständigste Florasammlung des Distrikts von Main/Tauber, dem Spessart und dem Spoikert hinterließ in Karlsruhe in den Sammlungen. Aber Samstag/Sonntag und in den Ferien waren wir eben daheim in unserer schönen Heimat: eine ältere Schwester und jüngere Geschwister und ein Pflegebruder: also 6 Kinder. So habe ich das Abitur in Wertheim gemacht und kam dann als Student der Theologie nach Tübingen für drei Semester in die romantische Zeit, in der man ritt und seine Stockerkahnfahrten machte.

Studienzeit Pfeil-nach-unten-Symbol Pfeil-nach-oben-Symbol

Da muß ich Sie jetzt unterbrechen — es klingt aus Ihrer Erzählung so ganz selbstverständlich, daß Sie Theologie studiert haben. War es das? Gab es nie eine Alternative?

Ja, also zunächst war es die Tradition meines Vaters, aber nicht nur Theologie, um als Pfarrer in Deutschland zu leben, sondern seine Idee war, ich solle dann in die Islam-Mission in den Orient gehen. Also hatte ich neben der Theologie auch gleich Arabisch und Islamkunde gelernt, kam dann nach Berlin in eine ganz andere Welt. Mein Pate, früher Pfarrer in Baden und Hessen als Sozialpfarrer, resignierte, als der Kaiser das machtvolle Wort sprach: „christlich-sozial ist Unsinn” und die Kirchen sofort einschwenkten. Er wurde Redakteur im Berliner Börsenkurier. Er war ein Freund von Friedrich Naumann und hat mich in das politische Leben eingeführt, sowie in das ganze Leben der Großstadt.

Sind Sie dann in diesem links-liberalen Geist auch aufgewachsen, oder haben sie als Student im preußischen Berlin ganz den preußischen Traditionen gehuldigt?

Nein — nur einmal, als die deutsche Studentenschaft aufzog, um dem Kaiser zum 21. Regierungsjubiläum einen Fackelzug zu bringen, bin ich auch unter den Tausenden von Studenten gewesen, und wir waren stolz damals, daß unser Vertreter des Wingolfs (als einer der größten Verbindungen) auch vom Kaiser empfangen wurde mit dem schnarrenden : „Äh, er sieht aus wie ein Bonner Borusse!” – nun, die Bonner Borussen waren ja die Creme der studentischen Elite. Aber dann habe ich Vorträge gehört von Rosa Luxemburg und von Karl Liebknecht und hatte Einblick in das Proletariat und war also in Berlin auf einmal aus dem konservativen deutsch-nationalen Elternhaus umgewandelt über den christlichen Liberalismus und die Ideen Friedrich Naumann's (mein Pate hat auch eine Biographie über ihn geschrieben) in die neue, gegenwärtige Welt. Und es klingt noch in meinen Ohren, wie er von einer Reichstagssitzung erzählte, daß ein Reichstagsabgeordneter aus Ostpreußen (natürlich hoch konservativ) erst nach der Rede seines Vorgängers, eines Sozialdemokraten, kam und sagte: „Die Ansichten meines Herrn Vorredners kenne ich zwar nicht, aber ich mißbillige sie!”: ein großartiges Wort, um in vielen Situationen im Leben Urteile zu beurteilen, die ohne Kenntnis der Sache gefällt werden! Und da war das Ende der Studentenzeit, als der Krieg ausbrach.

Der erste Weltkrieg Pfeil-nach-unten-Symbol Pfeil-nach-oben-Symbol

Und wie fast alle Studenten der damaligen Zeit, meldete ich mich kriegsfreiwillig und hatte einige Mühe, in Karlsruhe endlich in der Gottesaue bei dem Artillerieregiment Großherzog unterzukommen. Ich kam früh ins Feld: immer nach dem Westen: dort war ich während der ganzen Jahre bis zum Ende des Krieges, unterbrochen durch vier Monate, als ich in der Somme-Schlacht einen Kopfschuß erlitt, der auch Spuren in den nächsten Jahren hinterließ mit Absencen und Nachtepilepsien. Aber immerhin: ich war gleich wieder bei meiner Truppe, und meine Truppe war eben das, was mich im Leben einführte ins Leben dieser einfachen Leute: der Arbeiter und Bauern, in ihre Interessen. Ich lebte mit ihnen im Unterstand. Ich hielt auch auf Befehl des Wachtmeisters Predigten am Sonntag. Er schnarrte mich an: „Sie sind Theologe, und Sie werden morgen predigen!” Na ja, ich habe das lange getan. Aber ich bin auch in der Offizierswelt aufgewachsen und sah da viele unerfreuliche Erscheinungen neben großartigen Menschen, die ich dort gefunden habe: manche sind gefallen. Ich kam also heim, nachdem ich seit 1916 offene Augen bekommen hatte, daß wir den Krieg nicht gewinnen können, war noch bis zum Ende des Krieges im Einsatz, aber immer mehr von der Überzeugung getragen, daß der Pazifismus die einzige Lösung für die Menschheitsfrage ist; und so kam ich nach Hause.

Haben Sie diese pazifistische Auffassung dann auch zu Hause zu verbreiten gesucht?

Zunächst hatte ich Schwierigkeiten damit, denn mein Vater war noch bis zuletzt voll Hoffnung, daß wir den Krieg gewinnen können. Er war noch erfüllt von dem Geist von 1870 und dem ganzen Siegestaumel, der damals in Deutschland herrschte. Es war die Zeit, als Deutschland Kolonien bekam und die ganze Welt für Deutschland offenstand, als die Bagdadbahn gebaut wurde und der Kaiser in Jerusalem Einzug hielt im Ordensgewand der Kreuzritter und seine Worte sprach von der Freundschaft zwischen den Deutschen und den Türken.

Examina und Vikariatszeit Pfeil-nach-unten-Symbol Pfeil-nach-oben-Symbol

Nun, ich studierte, das heißt, ich wurde oft wieder eingesetzt, da ich das Predigen gelernt hatte in der Praxis, wo Pfarrer krank waren, machte schließlich meine beiden Examina mit 1 bis 2 und kam in die theologische Arbeit. Ich hatte manchmal Anwandlungen, ob es nicht besser wäre, ich würde Medizin studieren. Ich war damals von Albert Schweitzer sehr begeistert: von seiner Arbeit in Lambarene. Meine zwei jüngeren Geschwister, eine Schwester und ein Bruder, wurden Ärzte. Ich kam auf meinen Wunsch in das proletarischste Viertel der badischen Kirche, das war über dem Neckar in Mannheim und mein Pfarrer war ein Vetter von Walter Rathenau, der konvertiert war: ein Sozialpfarrer, der eben mit seiner Arbeiter-Bevölkerung lebte. Und da habe ich viel gelernt: im Lungenhospital und in meinem Jugendbund von 120 Buben, die aus dieser ganzen proletarischen Synode stammten und in meinen Beobachtungen in Fabriken und in Wohnungen: etwas, was mein Leben ganz bestimmte. Ich lernte auch moderne Jugendfürsorge kennen, nicht in dem alten, herablassenden Stil früherer Art, sondern in Zusammenarbeit mit städtischen und staatlichen Behörden, dem Jugendgericht und der Psychologie und in den Anstalten von meinem Freund Pfarrer Lutz, dem ersten Jugendpfarrer in Mannheim und dann in Baden.

Jugendpfarrer in Karlsruhe Pfeil-nach-unten-Symbol Pfeil-nach-oben-Symbol

Ich wurde der Zweite in Karlsruhe, als ich mich 1922 auf meine erste Stelle dort meldete: ohne Wohnung und mit all den Unsicherheiten.

Dann haben Sie aber auch geheiratet, 1922?

1922 habe ich geheiratet: ein Mädchen aus dem Mannheimer Jugendbund, das dadurch gereift war, daß ihre Mutter früh starb und sie 5 Brüder zu versorgen hatte. Sie war Bankangestellte, und ich erinnere mich noch an einen bedeutungsvollen Abend, wo wir bei einer Jugendtagung in Darmstadt ein Referat zu halten hatten. Und das Thema, an dem wir die Nacht über gearbeitet haben, war: Der Neue Mensch in der Neuen Gemeinschaft: das war der Idealismus in der damaligen Jugendbewegung. Aber ich lernte dadurch in Karlsruhe nun auch die ganzen proletarischen Verhältnisse kennen in der Fürsorge. Es waren die aus dem Elsaß ausgewiesenen Familien, es war die kriminelle Jugend. Ich kam in das erste Jugendheim für solche Kriminelle, ich kam in das Gefängnis. Und so lernte ich meinen Arbeitsbereich kennen, der, um ein Buch von dem Wiener katholischen Theologen Adolf Holl zu zitieren: Christus in schlechter Gesellschaft zu dieser zählte. Ich bin immer in der schlechten Gesellschaft gewesen und habe sie dadurch verstanden, daß ich mich mit ihr identifizieren konnte.

Sie haben soziale Arbeit geleistet als Theologe, als Pfarrer. Das wird schon damals auf Wider stände gestoßen sein, auch in ihrer Gemeinde. Zwei Fragen: Wie sahen diese Widerstände aus? Aber, wie genau sah denn ihre soziale Arbeit aus? Was konnten Sie leisten als Pfarrer? Welche Mittel standen Ihnen zur Verfügung?

Zunächst hatte ich eine Fürsorgerin, die war aber schon auf einer staatlichen Sozialschule ausgebildet. Dann bekam ich einen Fürsorger für Jugendliche /männliche, aus der Jugend-Bewegung. Schwersten Kampf kostete es, als ich einen aus der Arbeiterschaft stammenden und durch die soziale Schule von Mennecke in Berlin ausgebildeten Fürsorger bekam, der zur Arbeiterjugend gehörte. Und ich hatte eben von denen, die die alte kirchliche Sozialarbeit der Diakonie kannten und die eine Fürsorge trieben: von oben her, an den armen Menschen, deren man sich aus christlicher Barmherzigkeit erbarmen mußte, natürlich Gegensätze auszuhalten, denn ich konnte aus dem Wahlsystem der damaligen Kirchenvertretung: dem Kirchenausschuß eine große Zahl [und dem engen Kirchengemeinderat, in dem viele Arbeiter durch unsere religiös sozialistische Bewegung kamen, konnte ich Arbeiter als Schutzaufsichten, als Vormünder und in der Jugendhilfe überhaupt (Männer und Frauen), heranziehen, die eben diesem Typ am nächsten waren.

Religiöser Sozialist und Sozialdemokrat Pfeil-nach-unten-Symbol Pfeil-nach-oben-Symbol

Sie haben eben ein Stichwort genannt: die religiös-sozialistische Bewegung. Sie gehörten ihr an, Sie haben sie mitgeprägt, in ihr mitgearbeitet; heute hat man wenig Vorstellungen, was diese Bewegung damals ausmachte. Vielleicht berichten Sie davon?

Das fing an mit einer Vision. Es war in Falkau, einem Jugendheim, in der Nähe vom Titisee mit dem Blick auf den Feldberg an einem herrlichen Septembertag: plötzlich sah ich im Tal Blut und Feuer und hatte die Vision: „das ist Hitler”. Es war damals eine Übertragung, als Hitler seinen Putsch in München vorbereitete, der ja gescheitert ist. Von da an öffnete ich mich für den Kampf gegen Hitler. Ich trat 1924 in die sozial-demokratische Partei ein. Die religiös-sozialistische Bewegung war vorher schon gegründet worden, vor allen Dingen von einem Mannheimer Pfarrer Eckert, der mit dem größten Einsatz den Kampf um soziale Gerechtigkeit führte. Angeregt wurden wir von den Schweizer Religiös-Sozialen, vor allen Dingen von Ragaz, einem früheren Universitätsprofessor, der dann nachher in das Proletarierviertel umsiedelte. Und so konnte ich hinter meiner sozialen Praxis nun auch die Theorie der Umwandlung der Gesellschaft aufbauen. Ich wurde im Jahr 1925 schon in den Bürgerausschuß gewählt, aber gleichzeitig auch mit der Gruppe der religiösen Sozialisten in die Landeskirche: in die Synode. Meine Karriere in der Kommunalpolitik war: vom Bürgerausschuß bei der nächsten Wahl nach vier Jahren in den Stadtrat, und von dort eben konnte ich vor allen Dingen die sozialen Belange meiner Jugend mit Hilfe von meinen Freunden (ich war Mitbegründer vom Rotary-Club in Karlsruhe) auch finanziell unterbauen. Es kostet aber immer Schwierigkeiten, diese Sozialarbeit gegen ihre Gegner aus der Orthodoxie zu schützen, so daß es denen schließlich gelang, eine meiner Fürsorgerinnen als Spionin zu benutzen, die auch meine Akten durchstöberte, die den Namen Rippentrop trug (unglücklicherweise ohne den Adelstitel) und die im Geheimen schon Nationalsozialistin war, bevor sich das nun öffentlich immer weiter ausbreitete. Diese Gegnerschaft in der Kirche: diese Gegnerschaft überhaupt schränkte mein Leben natürlich sehr ein. Denn dadurch, daß ein Pfarrer Sozialdemokrat war und damals immer mehr in der zusammenbrechenden Demokratie Wahlen gehalten wurden und ich eingesetzt wurde zwischen Aachen und Konstanz und bis nach München hin: in Bayern und Württemberg und in der Pfalz, meine ich, konnte ich nur durch den stärksten Kräfteeinsatz am Wochenende, indem ich natürlich meine Kräfte der Familie entzog, mich halten, denn ich wurde überwacht, daß ich ja in meinen Bürostunden auch auf meinem Amt war. Und auf meinem Amt hatte ich doch viele schöne Dinge und konnte für meine Kinderfürsorge das Waldheim einrichten, das jetzt seinen 60. Geburtstag gefeiert hat, und konnte so gerade dadurch, daß ich in den Gemeinden die persönliche Hilfe von Gemeindegliedern in der Fürsorge hatte, als noch nicht alles verbeamtet war in der Fürsorge, überall Wurzeln schlagen. Nun, die Zeit schritt weiter. Ich war in diesen Gremien: ich war überall aktiv bis an den Rand meiner Kräfte. Hätte ich nicht diese gute Frau gehabt: die Else, die meine Kinder erzog, die ihren Vater ja nicht oft sahen, dann hätte meine Familie nicht so an mir gehangen, wie das sich dann erwies, als das Dritte Reich kam.

Amtsenthebung und Ausweisung aus Baden Pfeil-nach-unten-Symbol Pfeil-nach-oben-Symbol

Heinz Kappes, was war ihr persönliches Schicksal bei der Machtergreifung der Nationalsozialisten?

Ich wurde zunächst auf ein Dorf bei Pforzheim versetzt: nach Büchenbronn. Dort fand ich sofort den tiefen Zusammenhang in der Gemeinde, einen so starken Zusammenhang, daß später von allen Parteien dort: die Nationalsozialisten, die Konservativen und die liberalen Sozialdemokraten für mich eintraten. Nett war es, als am 1.Mai der Ortsgruppenführer der Nationalsozialisten zu mir kam: "Herr Pfarrer wir gehen am 1.Mai zu Ihnen in die Kirche und Sie werden mit uns den Festzug machen."

Ich zog den Gehrock an, meine Kriegsorden: EK I, EK II, Verwundetenabzeichen, Zähringer Löwe usw. und hielt dieselbe Predigt, die ich ein Jahr vorher in Karlsruhe bei den Sozialdemokraten gehalten hatte. Nun also das war dann vorbei: da kam der Gendarm und holte mich am 21.August 1933 ab ins Gefängnis nach Pforzheim, denn ich hatte ja auch meine Spitzel in der Kirche. Nach kurzer Zeit hatte mich die Kirche freigefragt unter der Bedingung, daß ich in einem Prozeß abgesetzt werde und der Staat dann die Möglichkeit hatte, mich auszuweisen. Ich wurde verbannt nach der Freilassung aus dem Gefängnis nach Badenweiler, wo meine Schwester Ärztin war und wartete dort, bis der Jurist im Oberkirchenrat eine 60seitige Anklageschrift gegen mich fertiggestellt hatte. Am Tag nach meinem 40.Geburtstag war das Dienstgerichtliche Verfahren: Sieben Richter, überwacht von einem Landeskirchenrat der Deutschen Christen, also der nationalsozialistischen Partei in der Kirche. Die Herren Richter, gute Leute, hatten aber Angst und spürten die Pistole im Nacken. Es liefen lange Verhandlungen, bei denen die Vertreter der kirchlichen Parteien für mich eintraten: alle, einschließlich der Nationalsozialisten und der Predigt meines Verteidigers: „Ich, Gott, habe dich zum Wächter über dein Volk gesetzt, und du mußt meine Befehle ausrichten, sonst werde ich Rache an dir nehmen.” Er bezog das auf meine Tätigkeit natürlich, doch dann kam die Frage, etwas schmusig: „Herr Pfarrer, wollen Sie jetzt erklären, daß ihr Weg ein Irrweg war?!” — und das ist die Frage, nicht wahr? Und da fiel mir ein, was mein blinder Geschichtslehrer uns erzählt hatte von einem gefangenen germanischen König, der auf die Frage: „Willst du jetzt verbrennen, was du angebetet hast und anbeten, was du verbrannt hast?” - Donar Eiche bzw. Kreuz - da sagte ich: „Ich verbrenne nicht, was ich angebetet habe und bete nicht an, was ich verbrannt habe.” Nach einer halben Stunde war ich abgesetzt und am nächsten Tag durch Vorladung beim Innenministerium der Nazis aus Baden ausgewiesen. Meine Frau mußte packen, ich durfte nicht in das Dorf zurück, das in Kirchenstreik getreten war und fand dann schließlich, wenige Tage vor Weihnachten, in Unterjesingen bei Tübingen eine Wohnung. Dort fing die nächste Epoche in meinem Leben an, indem ich nun durch Verbindung mit den englischen Quäkern, (deren Grundlage ich schon lange kannte und die solche Leute mit solchem Schicksal in einem Erholungsort in Königstein/i.Taunus sammelten), den Auftrag bekam, nun, da ich mich den Quäkern angeschlossen hatte, in Palästina für den Frieden zwischen Juden und Arabern zu arbeiten.

Emigrationszeit in Palästina Pfeil-nach-unten-Symbol Pfeil-nach-oben-Symbol

Welche Aufgaben genau haben Sie denn in Palästina übernommen?

Frieden zu stiften zwischen Arabern und Juden. Meine Kinder kamen in englische und amerikanische Missionsschulen und wurden dort erzogen. Meine Frau arbeitete. Und schließlich fand ich auch, da ich ausgebürgert war, eine Anstellung beim englischen Ernährungsamt als britischer Untertan. Und schließlich, da es soviel Korruption gab, wurde ich der ‘chief-officer’, d.h. ich hatte nun die ganze Verteilung aller Lebensmittel zu überwachen, kam so zu den Beduinen, kam in die Siedlungen und erlebte so ganz Palästina auf beiden Seiten. Ich war bei den Beduinen daheim, wenn ich ihnen Lebensmittel gab, ich war in den Kibbuzim daheim, aus demselben Grund und aus Freundschaft. An einem 1.Mai hat dort: sie waren verbunden durch ein Radio im Nachbarort mit England, am Tag der Ausmordung des Warschauer Ghettos, das ganze Elend über diesem Ort gehangen im Bewußtsein. Dort war auf dem Haus der Gemeinde neben der blau-weißen Fahne des Zionismus die rote Fahne, und der Sprecher, der der Schuhmacher des Ortes war, hielt eine Rede vor den aufmarschierenden Kindern, Jugendlichen, Männern, Frauen, Alten: Wir sind hier nicht, um Macht zu erwerben, sondern um den Rest Israels zu retten. — Er war ein Anhänger meines Freundes, Professor Ragaz in Zürich und war religiöser Sozialist.

Herr Kappes, Sie hatten neben Ihrer Arbeit für die Freundschaft zwischen Juden und Arabern auch Gelegenheit zum Kontakt mit Martin Buber. Wie hat sich dieser Kontakt ausgewirkt?

Ja, ein Freund, ein Rabbiner, den ich aus Deutschland schon gekannt hatte, fragte einmal Buber: „Was soll man mit dem Mann da anfangen, der hat kein Geld mehr.” Bubers Antwort war: „Es ist halt ein Intellektueller, und Intellektuelle sollen Vorträge halten!” Ich habe Martin Buber öfters getroffen und ihn eben im Vergleich gesehen; er gehörte zu einer Bewegung ‘ihout’ hieß die, eine Freundschaft, ‘ihout’ ist Einheit und ist zugleich Brüderschaft zwischen Arabern und Juden. Er war kein Politiker. Aber auf seine Anregung hin habe ich nun jede Woche einen Vortrag gehalten. Mein Gebiet war die Mystik in den verschiedenen Religionen. Ich hatte Literatur gefunden aus dem chinesischen Taoismus, vor allen Dingen das I Ging, ein Orakelbuch, das ich seit 40 Jahren kenne und verwende und das sich noch nie geirrt hat, und die anderen: Laotse usw. Dann fand ich die Bücher über die indische Mystik, über die buddhistische Mystik, über die islamische: den Sufismus, da ich ja einiges Arabisch konnte und den Koran einigermaßen lesen konnte und über die jüdische Mystik: Bubers Bücher über den Chassidismus und über die deutsche christliche Mystik. Also, diese Vorträge kulminierten darin, daß ich auf Sri Aurobindos Life Divine, das Göttliche Leben, stieß, das durch einen Zufall nach Jerusalem kam und ich von da ab die Linie fand, die für mich maßgebend war: für meine weitere geistige Entwicklung. Diese Vorträge konnte ich durchhalten in einer jüdischen Familie bis zum Ende des Mandats. Im Mandat war die letzte Zeit schwierig. Ich wohnte zuletzt nicht mehr in der arabischen Gegend sondern bei ihnen zwischen Bethlehem und Jerusalem. Ich mußte, wenn ich in mein Büro ging, meine Kopfbedeckung immer an der Grenze wechseln von der Baskenmütze zu dem Kalpack: das ist eine Fellmütze, wie sie die Armenier trugen und hatte Ausweise: jüdische, arabische, christliche, um immer an der Grenze den richtigen Ausweis zu zeigen, damit ich durchkam. Es war ein hektisches Leben und ein Leben von steigender Angst in meiner Umgebung. Nun, diese Zeit ist auch die Zeit des Endes meiner Familie gewesen. Der Krieg hörte auf, und meine Kinder zogen weg: eine Tochter war schon verlobt mit einem Engländer, der in der Nähe von Beirut als Quäker gelebt hatte, ein amerikanischer Quäker hatte meine älteste Tochter geheiratet, meine jüngste Tochter, die war in einem College in Beirut und bekam einen Preis für das beste College in Amerika, und letztlich ging meine Frau mit dem Sohn, der eine Anstellung bei der Barcley-Bank in New York bekam (von der in Jerusalem), auch dorthin, so daß ich dann allein war bis zum Ende.

Rückkehr nach Deutschland Pfeil-nach-unten-Symbol Pfeil-nach-oben-Symbol

Als das britische Mandat zuende ging: was, Herr Kappes, waren dann die Konsequenzen für Sie? Konnten Sie in Palästina, in der Zukunft in Israel bleiben?

Nein. Ich mußte raus: ich war nicht Jude, ich war nicht Araber. Und ich ging nach Deutschland zurück, allerdings auf einem Umweg. Das war über den Jordan und über Jordanien, und dort marschierten schon die arabischen Truppen auf, um dann den Krieg in Israel zu führen.

Das war 1948?

Ja, die Araber waren alle noch der Überzeugung: der Hitler lebt. Und ich wurde, als sie hörten, daß ich ein Deutscher bin, mit Heil Hitler — Heil Hitler — begrüßt. Nach Schwierigkeiten kamen wir (und das war nun eine holländische Lehrerin, von einer amerikanischen Quäkerschule, die mit mir den Heimweg nach Europa machte), zurück nach Holland. Und später als ich mich von meiner Frau, die bei den Kindern in Amerika bleiben wollte, hatte scheiden lassen und sie geheiratet hatte, kamen wir in Deutschland zusammen, und ich baute da wieder auf.

Herr Kappes, Sie kamen zurück nach Deutschland. Was war denn Ihre Vorstellung vom neuen Deutschland: wie sollte es aussehen? Sahen Sie eine Möglichkeit, daran aktiv mitzuarbeiten?

Ja! Ich ging also zunächst zur Kirche. Ich fand den, der mich abgesetzt hatte, als Einzigen in der Urlaubsperiode. Es war etwas peinlich für ihn, daß ich auftauchte, und er stammelte, stotterte: Ja, ich hätte ja soviel Sozialerfahrung, ich würde gewiß etwas finden.— Nun, ich sagte: „Herr Oberkirchenrat, ich bin gut geführt worden, ich habe gar keinen Grund, auf die Vergangenheit zurückzugehen.” Das war für ihn, der damals im Entnazifizierungsverfahren war, (denn er war ja früher bei der Partei gewesen, am Anfang, bis er gesehen hatte, daß damit die Kirche ja ins Elend kommt und er sich zurückgezogen hatte), eine Erleichterung. Also, ich bekam wieder meine Anstellung.

Wann und an welcher Stelle genau?

1949, als ich zurückgekommen war, zunächst als Religionslehrer, bis nach 3 Jahren endlich die Stelle in meinem alten Gemeindedienst frei war und ich den wieder aufbauen konnte. Nun, in den Hungerjahren haben wir genauso wie in den Hungerjahren nach dem Ersten Weltkrieg bei den Bauern Lebensmittel gesammelt und verteilt, und ich hatte neue Fürsorger, Fürsorgerinnen: ein Team, das heute noch, soweit sie nicht verstorben sind, zusammenhält. Diese Aufbauarbeit geschah nun, (ich habe mich nicht mehr in die Politik zurückgemeldet), vor allen Dingen in geistiger Art.

Ich hielt hier auch Abende über Sri Aurobindo. Vor allen Dingen kümmerte ich mich um Alkoholiker. Ich arbeitete zuerst im Blauen Kreuz. Ich war Vormund über Alkoholiker. Aber schon im Jahre 1950, als ich zu der Zusammenarbeit zwischen Christen und Juden nach Amerika eingeladen wurde, von der amerikanischen Regierung, um Rassenfragen zu studieren, lernte ich dort die Anonymen Alkoholiker kennen.

Anonyme Alkoholiker Pfeil-nach-unten-Symbol Pfeil-nach-oben-Symbol

Herr Kappes, Sie haben das Stichwort Anonyme Alkoholiker genannt. In Amerika haben Sie sie kennengelernt. Das war eine Idee für Sie, die Sie wohl als Erster nach Deutschland gebracht haben.

Damals gab es einen einzigen Seemann, der in Amerika die Anonymen Alkoholiker kennengelernt hatte.

Ein Seemann in Deutschland?

Ein Seemann in Deutschland, in Hamburg, aber es gab keine Organisation. Ich lernte dort die Grundliteratur kennen, aber ich lernte vor allen Dingen bei dem ersten Aufenthalt in ihrem Büro etwas Merkwürdiges kennen: Da saß in der Ecke, (es war damals noch alles sehr primitiv), ein Alkoholiker, der ‘trocken’ war und redete mit einem, der gerade aus Sing-Sing, dem berüchtigten Zuchthaus entlassen war, einem Alkoholiker. Und wir wurden, ( ich hatte noch einen deutschen Kollegen dabei), empfangen von einer Dame, die uns aus ihrem Leben erzählte: Alkoholikerin, Schauspielerin, eine schöne Frau, die uns auch von den Prinzipien erzählte und Literatur mitgab: die Grundliteratur: das ist das, was wir ‘Das Blaue Buch’ nennen und die Erklärungen dazu. Das Ganze war ja die Gründung durch einen hoffnungslosen Fall einen Alkoholiker Bill Wilson in dem Augenblick, als er nun definitiv in einer Entziehungsanstalt untergebracht werden sollte: es war alles zusammengebrochen: er war früher Makler an der Börse gewesen, ein reicher Mann, ein erfolgreicher Mann, auch durch eine Zeitschrift, die er gegründet hatte, ein Fachmann auf seinem Gebiet. Nun war seine Frau verurteilt, im Warenhaus zu arbeiten, und er sollte versorgt werden. Da besuchte ihn ein Freund, der Alkoholiker war und mit ihm früher gesoffen hatte, der nun ‘trocken’ war. Der war in der Schweiz gewesen und hatte dort von dem berühmten Psychiater C.G. Jung die Auskunft erhalten: Ihnen kann keine Therapie medizinischer Art mehr helfen, es müßte denn sein, daß Sie ein tiefgreifendes inneres Erlebnis haben. Und er fand das bei einer Bewegung, die früher auch in Deutschland gewesen war: man nannte sie ‘Oxford-movement’ und kam nun zu seinem Freund, erzählte ihm von seiner Umwandlung. Als er gegangen war, erzählt Bill selber, (und ich habe das in einem Film gesehen, den er selbst noch vor seinem Tod gestellt hatte), fand er sich auf dem Boden mit dem Ausruf: „Wenn es Dich gibt, dann hilf mir!”: der Agnostiker in seinem Unglauben und doch gläubig! Und da sah er das LICHT, das göttliche LICHT, das eine große, die totale Umwandlung der Neugeburt hervor rief. Und so ging von ihm und einem ebenso versoffenen Arzt die Bewegung der Anonymen Alkoholiker aus. Die ganze Literatur der Anonymen Alkoholiker ist nur von Alkoholikern, die ‘trocken’ geworden sind, geschrieben und darum glaubwürdig: also keine psychiatrische, psychologische Arbeit über den Alkoholismus oder von Außenstehenden. Ich habe später erst, nachdem ich von meiner ersten Indienreise zurückkam, das “Blaue Buch” übersetzt und dann vor 25 Jahren in Karlsruhe ja mit die erste Gruppe gegründet.

Was genau ist das “Blaue Buch”?

Das ‘Das Blaue Buch’, das ist das Buch, in dem Bill die Grundsätze der Anonymen Alkoholiker darstellt und dazu noch zwei Ergänzungshefte: die Zwölf Grundsätze, Zwölf Schritte genannt und die Zwölf Traditionen: die habe ich übersetzt.

Und das ist bis heute gültig als Leitsatz für die Anonymen Alkoholiker?

Ja, in unendlich vielen Sprachen. Es gibt weit über eine Million ‘trockene’ Alkoholiker, nach 50 Jahren, in der Welt verbreitet. Es gibt in Deutschland allein nun, von jener einzelnen Gruppe und von einer anderen Gruppe, die in München sich an die Amerikaner angeschlossen hatte, ausgehend über 1000 Gruppen mit einer großen Zahl von Anhängern, Familienangehörigen, Kindern und Nachkommen. Das Ganze ist also eine Bewegung ohne einen Pfennig von öffentlichen Geldern. Als in Karlsruhe einmal der Oberbürgermeister Geld anbot, haben sie es ihm zurückgeschickt: sie nehmen kein Geld aus der öffentlichen Hand.

Wir reden jetzt so selbstverständlich von den “Anonymen Alkoholikern”. Es ist aber gar nicht so selbstverständlich, daß es sie in Deutschland gibt. Wie kam es zur Gründung der ersten Gruppe in Karlsruhe? Sie haben dabei mitgeholfen.

Ich habe früher ja als Vormund über Alkoholiker im Blauen Kreuz mitgearbeitet und gesehen, daß diese Bewegungen, auch das Katholische Kreuzbündnis oder das Idealistische Bündnis, daß die nur wirken können bei Menschen, die fest in ihrer Religion verankert sind. Nun sind ja die meisten Alkoholiker aus ihrer Religion draußen. Viele sind Agnostiker, viele sind Atheisten, viele haben überhaupt von ihrer Herkunft her gar keine Beziehung mehr zu irgendeiner Kirche. Aber hier in ihrem Programm ist der Erste Schritt der: Wenn du nicht den totalen Zusammenbruch erlitten hast, indem dir keine Medizin mehr helfen kann, dann kannst du entweder verrecken oder leben. Wenn du nun zu einer Gruppe kommst und siehst, daß hier eine Gemeinschaft von Menschen ist, die deswegen und trotzdem ‘trocken’ geworden sind und ein neues Leben anfangen, dann kannst du gerettet werden, wenn du in dieser Gruppe weiter lebst, auch wenn du zunächst an nichts glaubst als etwa an einen Menschen, der sich als Sponsor, als Betreuer deiner annimmt. Und so ist der Zweite und Dritte Schritt der, daß man eine ‘Höhere Macht’ anerkennt. Und dieser neutrale Ausdruck ‘Höhere Macht’ für Gott ist deswegen so formuliert, weil einer der Ersten, die sich an Bill um Hilfe wandten, ein buddhistischer Japaner war.

Wir sollten den Weg zurückfinden zu den Karlsruher Alkoholikern. Wie genau verlief diese Gründung?

Nachdem ich meine Kenntnisse vertieft hatte über die Anonymen Alkoholiker, lud ich ein. Ich hatte vorher schon mit einem katholischen Fürsorger, einem staatlichen Fürsorger, der aus seinen Erkenntnissen Alkoholiker sammelte vorzeitig und bei dem ich Vorträge hielt, einen Anklang gefunden. Ich lud also Katholiken ein, (es kam jemand aus Freiburg), die Direktorin vom Jugendamt kam, eine sehr aufgeschlossene Frau, es kamen Evangelische, und es kamen Alkoholiker. Und auf Grund dieses Gesprächs dort in einem katholischen Studentenheim haben zwei Alkoholiker sich entschlossen, diese Gemeinschaft zu gründen. Davon ist einer früh gestorben an der Säuferkrankheit, der andere hat als Staubsaugervertreter zwischen Hamburg, Wien und Zürich bei seinen Staubsaugerwerbereisen überall die Botschaft verkündet und Gruppen gegründet: das ging von Karlsruhe aus.

Das ging von Karlsruhe aus. 1961 wurde die Karlsruher Gruppe gegründet, auf Ihre Anregung hin, muß man sagen, die erste in Deutschland, die erste rein deutsche in der Bundesrepublik. 1959 sind Sie bereits pensioniert worden mit 66 Jahren, d.h. Sie haben sich dann schon der Arbeit für die Anonymen Alkoholiker gewissermaßen hauptberuflich widmen können?

Ja, ich habe dann diese grundlegenden Bücher aus dem Englischen übersetzt. Aber die Gruppe gründete ich erst, als ich vorher in Indien gewesen und zurückgekommen war. Ich war dort zuerst neun Monate gewesen, auf Grund meiner Kenntnisse von Sri Aurobindos Werk und hatte dort auch tiefere Einblicke gewonnen, sodaß ich dann neben der Übersetzung und Veröffentlichung des Blauen Buches eine Zeitschrift herausgab: Integraler Yoga mit Worten von Sri Aurobindo und ‘Der Mutter’.

Der Integrale Yoga Sri Aurobindos Pfeil-nach-unten-Symbol Pfeil-nach-oben-Symbol

Das ist eine ganz andere Interessensphäre Ihrer Arbeit, vor allem nach der Pensionierung, das Interesse für den indischen Philosophen Sri Aurobindo. Auf welche Weise, Herr Kappes, könnte man die Philosophie Sri Aurobindos am besten charakterisieren? Was ist ihr Schwerpunkt?

Er nennt sie ‘Integraler Yoga’. Er knüpft also an an die alte geistige Erfahrung des Yoga, aber er hat sich freigemacht von all den Dingen, in denen der Yoga schließlich, vor allen Dingen in Deutschland entartet ist als Körperbewegung und höhere Gymnastik. Er sagte: „Gott allein ist Dein Guru” und lehrte so aus eigener Erfahrung den ganzen Weg dieses ‘Integralen Yoga’. Zunächst komme du hinter deine äußere Person, die wird vom Ich dirigiert. Lerne also deine eigentliche Mitte kennen, beantworte die alte Frage: Weißt du denn, wer du bist? Weißt du, wo du herkommst? Weißt du, wohin du gehst? Lerne, was du als Mensch für Möglichkeiten deiner Entfaltung hast. Und so beschrieb er in seinen Werken, (er hat 30 Bücher in Englisch geschrieben, von denen ich einige übersetzt habe), den Weg: zunächst zu dem erleuchteten Mental: Mental ist für ihn alles, was Mensch ist an Bewußtsein, an Intellekt, an Kräften, also mind nennt er das im Englischen, den erleuchteten Zustand. Von da als weitere Stufe den intuitiven Zustand, daß du das Innere eines Menschen erfahren kannst durch deine Intuition und dann mit ihm, (weil du ja nicht mehr aus deiner äußeren Person lebst, sondern von deinem ewigen Selbst her), in eine weitere Gemeinschaft kommen kannst. Die nächste ist das kosmische Bewußtsein, oder er nennt das auch das overmind, das übermentale Bewußtsein und von da den Übergang in das, was er wohl als Erster und Einziger mit seiner Mitarbeiterin, einer Französin Mirra Alfassa erlebt hat: das gnostische oder supramentale Bewußtsein: das ist der Mensch, der nun vollkommen frei im Wahrheitsbewußtsein lebt: Stufen, die zu erreichen der Menschheit möglich ist, wenn sie aus diesem Einheitsbewußtsein leben und Frieden schaffen will.

Reich Gottes sein Pfeil-nach-unten-Symbol Pfeil-nach-oben-Symbol

Ich sage nun einmal ganz bewußt: Herr Pfarrer Heinz Kappes: man muß nicht unbedingt erwarten, man kann es vielleicht nicht einmal verstehen, daß Sie als Pfarrer sich für fernöstliche Weisheiten so begeistern, sie so in ihre eigene Denkwelt übernehmen. Wie verträgt sich das? Der Außenstehende kann das kaum begreifen, zunächst.

Da muß man zunächst verstehen, was überhaupt Christus ist. Ich habe vorhin gesagt, daß ich Mystik in den verschiedensten Religionen studiert und zu erleben versucht habe. Ich gehe davon aus, daß in Gott, dem Undenkbaren, dem ICH BIN des Universums für die Erde und für den Menschen der Grundtypus enthalten ist, der sich immer wieder der Menschheit offenbarte. Die Inder sprechen von 10 solchen: Avatare nennen sie das, was die Juden Messias und die Sufis den Mahdi nennen. Der 10. ist noch nicht gekommen. Der Messias ist noch nicht gekommen. Und die Christenheit wartet auf den wiederkommenden Christus. Ich sehe also jetzt eine Epoche, die weit hinausgeht über das Christentum. Und alle Mystiker, d.h. diejenigen, die wirklich aus den Tiefen der Seele lebten und ihre Erfahrungen des Geistes und des Lichts hatten, haben nichts von der Hölle gewußt, in allen Religionen nicht. Nur die vergänglichen Organisationen brauchten das zur Macht-Erhaltung. Und Jesus hat eben keine Machtkirche geschaffen, sondern Jesus gab seinen Jüngern den Auftrag, sie sollten ‘Reich Gottes’ sein, sie sollten also ausstrahlen: Liebe, Freude, Leben, Wahrheit durch ihr Sein, nicht durch Verkündigung von Dogmen und Organisationen. Dann hätten sie auch die Gewalt zu heilen, die Macht über das Dämonische und die Macht über den Tod in der Weise, daß der Mensch eben auf dem langen Weg von dem Ursprung, (Aurobindo nennt das die Involution durch Materie, Pflanzen, Tiere, Mensch), wieder zum Ursprung zurückkommt. Und das ist nur möglich in der Inkarnation.

Herr Kappes, Sie haben eben von der Machtkirche gesprochen. Ist Ihre Haltung generell kritisch zur bestehenden Kirche, zur Kirchenorganisation, oder bezieht sich das nur auf einen ganz besonderen Aspekt kirchlichen Lebens?

Die Kirche ist eine pädagogische Einrichtung. Möge sie den Menschen, genauso wie in der Schule, die nur lernen, wenn sie die Strafe vor Augen haben, mit diesen Strafdrohungen einen Weg weisen, aber es ist nicht der ganze Weg Jesu. Und wir müssen doch den Weg von dem, was Jesus gewollt hat, aus sehen und nicht nur von den Zwischenstufen, die etwa für noch auf der tieferen Stufe stehende Menschen praktisch sein mögen, aber nicht ewig dauern können. Und deswegen ist für mich Jesus heute universal.

Ihre pantheistischen Ideen haben Sie gewiß immer wieder in Gegensatz zur evangelischen Amtskirche gebracht. Ist dieser Gegensatz für Sie manchmal so stark gewesen, daß Ihr Verbleiben in der Kirche gefährdet war?

Natürlich, aber ich würde das nicht pantheistisch nennen, sondern pan-christlich. Ich sehe eben in Jesus heute die Verkörperung für die nächste Aufgabe der Menschheit. Das ‘Reich Gottes’ muß hier auf Erden begründet werden und nicht durch eine Flucht in irgendein Jenseits. In der Bhagavadgita, die ich auch übersetzt habe, steht: „Nun gut, für deine Verdienste wirst du im Jenseits wohl ankommen, aber nach einiger Zeit sind deine Verdienste erschöpft, dann mußt du wieder auf die Erde zurück.” Mit all dem Humor, den ein solches Wort bedeutet für die Christen, die meinen, dann durch irgendwelche Dinge, (ich will nicht ironisch werden), selig gesprochen zu werden und dann in einem Jenseits leben zu können — einerlei, wie ihr Leben hier war: wenn man nur am Schluß den Segen bekommt.

Und wie, Herr Kappes, ist Ihr Verhältnis zu den Pfarrerkollegen?

Ich hatte manche Freunde. Ich habe auch heute noch Freunde als Kollegen, die ähnlich denken, etwa 1.) in der Friedensbewegung, aber in einer tieferen Friedensbewegung als nur derjenigen, die sich politisch äußert oder 2.) im religiösen Sozialismus mit mir befreundet waren und ähnliche Wege gegangen sind oder, wenn sie noch lebten, gegangen wären, weil ihre Anlage dazu da war. Natürlich hoffe ich, auch bei meinem Landesbischof Verständnis zu finden, wenn ich mit einem Anliegen jetzt zu ihm komme, was die Homosexuellen in der Kirche und deren Beurteilung betrifft. Denn es gibt ja eigentlich nichts, was an Leid in der Menschheit passiert, was nicht auch bei mir sein Echo und sein Mitgefühl gefunden hätte, seitdem ich in das Bewußtsein des intuitiven Mentals eingetreten bin in meiner inneren Entwicklung, daß ich das fühle.

Seelen-Heilpraktiker Pfeil-nach-unten-Symbol Pfeil-nach-oben-Symbol

Sie haben seit ihrer Pensionierung auch sehr viel persönliche Beratung übernommen. Haben Sie das hier zu Hause gemacht?

Ich habe in der letzten Zeit jeden Tag vormittags und nachmittags für je 2–3 Stunden Suchende zu Gast gehabt, manche mit schwersten Lebensproblemen, solche mit Selbstmordgedanken, solche, die Kriminelle gewesen waren und solche mit Eheschwierigkeiten, wo ich so nun eben einfach im Du-Verhältnis mit allen Besuchern stehend, (ich bin für sie alle nur der Heinz, für manche der Heinz) eine ungeheure Arbeit zu leisten hatte mit Briefen, Telefongesprächen und Besuchern. Nun ja, das gehörte eben zu dem, was notwendig ist, wenn man diesen Weg geführt worden, oder auf ihn gezwungen worden ist. Denn manchmal war es sehr hart, diesen Weg zu gehen.

Wer ist denn mit Ihnen diesen Weg gegangen? Sie haben erwähnt, Sie sind von Ihrer ersten Frau geschieden worden, Ihre Kinder leben überall in der Welt verstreut, Ihre Enkel und Urenkel ebenfalls. Sie haben aber 1950 noch ein zweitesmal geheiratet.

Ich habe diese in Palästina seit 16 Jahren lebende, (also 2 Jahre länger als ich), Holländerin kennengelernt über Amerika, und mit ihr konnte ich den Weg Aurobindos gehen. So konnte ich dann, als ich Aurobindos Lehre kennenlernte und übersetzte: das fast 1000 Seiten umfassende Buch Die Synthese des Yoga, die drei Bände von dem Life Divine, Die Bhagavadgita und den Kommentar, das Buch Das Ideal einer geeinten Menschheit an der zweiten Frau eben eine Mitarbeiterin und Stütze finden. In ihren letzten zwei Lebensjahren kam Else Lehle, bei der ich jetzt hier wohne, nach Karlsruhe, um bei mir eine geistige Hilfe in einer sehr schwierigen inneren Lage zu finden und sah, wie meine Frau immer schwächer wurde, sie kam jedes Wochenende und in ihrem Urlaub und versorgte uns, nach ihrem Tod auch mich weiter von Stuttgart aus. Und als ich meine Wohnung in Karlsruhe aus Mietgründen meiner Hauseigentümer verlassen mußte, hat sie mich hier aufgenommen. Die Zahl der Menschen, die zu mir kommen, hat sich seitdem so stark vermehrt, daß ich eben jetzt Rücksicht nehmen muß auf meine letzte Lebensaufgabe.

Anonymität Pfeil-nach-oben-Symbol

Sie haben noch viele Freunde unter den Anonymen Alkoholikern, gerade in Karlsruhe, die gehören, sehe ich, zu ihrem täglichen Umgang. Sie haben Freunde unter den Pfarrern. Am 30. November des Jahres werden Sie 93 Jahre alt. Kann man von Aufgaben sprechen, die Sie sich noch vorgenommen haben?

Ich muß mich zurückziehen von vielen solchen Besuchern. Aber allmählich gewinnt man ja durch das Intuitive auch ein Aussenden von Seelenkräften, die anderen helfen. Und wenn ich morgens in meiner Meditation, (ich fange sie an gewöhnlichen Tagen um 5 Uhr bis 6 Uhr an, um konzentriert zu sein auf den Stufen, die das Bild hier an der Wand von den verschiedenen Yogazentren des inneren Menschen zeigt), nun mich konzentriere und etwas von jenem LICHT erfahre, dann weitet sich auch meine Seele aus, sodaß ich all den Vielen, meinen Kindern, Enkeln und Urenkeln, Schwestern oder all den Notleidenden, die mich um Hilfe bitten, diese Kräfte vermitteln kann, so wie dieses Gebet hier an der Wand von dem Franz von Assisi sagt: Werkzeug zu sein, Kanal zu sein dieser geistigen Kräfte. Und wenn ich mich jetzt immer mehr zurückziehen muß aus den direkt persönlichen Beziehungen und keine Reisen mehr mache und keine Vorträge mehr halte, dann ist es eben diese Vertiefung meiner eigenen Person, um auf diese Weise aus der Stille Werkzeug zu sein, wie viele Mystiker es ja waren, um aus der Stille der Welt zu helfen. Denken Sie an die Leute im Tibetischen Buddhismus, die eingemauert sind und mit ihrem Gedenken an die Welt die Kräfte aussenden, die sie da empfangen, etwa dargestellt in dem Buch Der Weg der weißen Wolke und so — nicht wahr. Das ist für mich das letzte Ziel der mir noch gegebenen Jahre. Und ich lebe halt erstens anonym, ich mache mir nichts mehr aus irgendwelchen äußeren Dingen. Meine Kriegsorden habe ich meinem Enkel geschenkt, der im Augenblick als Leutnant zur See im Pazifik fährt und der seinen amerikanischen Großvater auch beerbt hatte mit dessen Kriegsorden. Ich mache mir nichts mehr daraus: anonym heißt für mich: ich mache mir keinen Namen mehr — a onoma, das griechische, und infolge dessen ist auch das Du da. Aber das Du wird immer umfassender. Und dann kann ich nur sagen: mein Begriff von anonym wird eben auch so umfassend, wie eben das Göttliche eine umfassende Kraft ist, die ich erfahre.

T-0105 "Es erinnert sich, Heinz Kappes"

Weitere Texte Pfeil-nach-oben-Symbol

Nachfolgend weitere „Selbstporträts und autobiographische Zeitzeugnisse, die hier als Textdateien dem interessierten Leser zur Verfügung gestellt werden sollen:

T-0109 Alle menschliche Gebrechen sühne reine Menschlichkeit
1911 - Abiturrede

T-0093 Erster Weltkrieg 1916
1917 - Gedanken über Stimmung, Durchhalten, Endsieg

T-0094 Drei Skizzen von der Westfront
Gedanken über den Wahnsinn des Krieges

T-0122 Wie finden wir wahre Führer
1919 - Examenspredigt des cand. theol. Heinrich Kappes

T-0164 Jesus lebt!
10.04.1977 - Predigt an Ostern mit Rückblick auf seine Lebensstationen

T-0107 Ich war immer ein Ketzer
01.12.1987 - Interview in "life", Ausgabe 2/1987

T-0103 Die Menschheitslage und die Einheit
30.11.1983 - Rückblick am 90. Geburtstag

T-0091 Lebensrückblick zum 70. Ordinationsjubiläum
16.09.1985 - Ansprache beim Badischen Pfarrverein Karlsruhe

T-0108 Aus der Einheit die Bipolarität leben
17.02.1988 - Interview durch Dr.Martin Balzer